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13.07.2018  |  16:00 Uhr

Hinter Passauer Gardinen

Die außergewöhnliche Arbeitswelt der Justizvollzugsbeamten

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Quelle: https://www.justiz.bayern.de/index.php

Quelle: https://www.justiz.bayern.de/index.php - Verena Rehrl




"Justizvollzugsanstalt Passau" – fast wäre ich an dem unscheinbaren Gebäude mitten in der Altstadt Passaus vorbeigelaufen. Bis ich die vergitterten Fenster bemerke. Tatsächlich, zwischen Cleopatras Haarstudio und Wellness 40plus befindet sich ein Gefängnis. Während ich mich noch frage, wie ich denn da hineinkomme, fährt ein Auto vor. 3 Beamte steigen aus. "Sie sehen nach Journalistin aus", werde ich begrüßt. Anscheinend wurde unsere Anwesenheit in der Zwischenzeit bemerkt, denn nur wenige Augenblicke später öffnet sich auch schon das schwere Tor.

Nachdem das große doppel-flügelige Holztor hinter mir zugefallen ist, herrscht auf einen Schlag eine andere Atmosphäre. Das quirlige Lebensgefühl der Altstadt dringt nicht hinter die dicken Mauern der Justizvollzugsanstalt. Wir befinden uns im Durchgang zu einem Innenhof, wie es in Passau viele gibt. Click. Click. Das weiße Metallgitter rechts von mir öffnet und schließt sich. Ein weiterer Beamter kommt auf mich zu. Er stellt sich als Herr Hödl vor, Leiter der Anstalt.

Umringt von 4 Beamten fühle ich mich schon etwas eingeschüchtert.

Eine fast sichtbare Aura der Autorität umgibt jeden von ihnen. Haltung, Gesichtsausdruck, Uniform – ihre Bestimmtheit und starke Präsenz lässt keine Zweifel aufkommen, wer die Zügel in der Hand hält.

Wir beginnen unseren Rundgang in der Vollzugsgeschäftsstelle. Zwei Beamte sind hier dafür zuständig, Haftbefehle zu überprüfen und Neuzugänge erkennungsdienstlich zu erfassen. Hier liegt auch die Kontaktstelle zur Außenwelt. Termine mit Anwälten und Gerichten werden geregelt, Telefonate entgegengenommen und E-Mails neugieriger Studenten beantwortet. Dieser, sowie auch alle anderen Verwaltungsräume liegen zur Straße, die Zellen Richtung Innenhof. So will man verhindern, dass die Insassen unkontrolliert mit Menschen von außen kommunizieren können. Auf dem Empfangstresen steht eine Schüssel mit bunten Süßigkeiten. Mein Blick bleibt daran hängen. Lächelnd bietet mir der Beamte ein Bonbon an. Ich lehne dankend ab. Eigentlich hatte ich überlegt, ob ein Gefangener wohl auch eins bekommen würde. Aber die Frage behalte ich dann doch lieber für mich. Weiter geht es zur Torwache. Egal ob Besucher, Handwerker, Anwälte oder Ärzte, alle müssen erst an den wachsamen Augen der Justizvollzugsbeamten vorbei. "Jeder Besucher wird registriert und kontrolliert", erklärt der Beamte. Er zeigt Richtung Metalldetektor. Mit Ausnahme von mir, denke ich. Eigentlich hatte ich mit einer Durchsuchung wie am Flughafen gerechnet, doch der Metalldetektor bekommt heute keine Arbeit. Kameras überwachen jeden Gang und die Außenmauern des Gefängnisses.

Keine Bewegung der Häftlinge außerhalb ihrer Zellen bleibt unbeobachtet.

Der Innenhof der Anstalt ist karg. Keine Bäume, Büsche oder sonstiges Grün. Die hohen Mauern geben mir ein Gefühl als wäre ich in einem Schuhkarton. "Wie können sich die Gefangenen hier beschäftigen? Gibt es Bälle oder Sonstiges?", frage ich neugierig. "Sie können laufen oder spazieren gehen. Wir haben auch eine Tischtennisplatte", bekomme ich als Antwort. Eine einzige Tischtennisplatte für die aktuell 83 Inhaftierten. Ich bin ein wenig geschockt.

Wenig später stelle ich jedoch fest, dass es auch noch andere Beschäftigungsmöglichkeiten gibt, nämlich Mäuse- und Rattenfallen bauen.

"Es ist eine einfache Arbeit. Die Meisten bleiben nicht lange genug, um etwas Komplexeres zu erlernen. Aber die Arbeit ist sehr beliebt, denn der Tag vergeht schneller und die Inhaftierten können etwas Geld verdienen", erklärt mir Herr Hödl. Einige bleiben nur Tage, andere wiederum bis zu einem Jahr, so ergibt sich eine durchschnittliche Verweildauer von nur 30 Tagen. Die Erlaubnis zu arbeiten wird durch die JVA-Beamten speziell nach Vertrauen und Fähigkeiten zugeteilt.

Es ist kurz vor 12. Das große Tor geht auf und ein Transporter kommt hereingefahren. Frühstück, Mittag- und Abendessen werden jeden Tag aus der Stammanstalt in Straubing geliefert. Kaum steht der Transporter, laufen mehrere Gefangene an mir vorbei und beginnen routiniert die Lieferung auszuladen. "Als Hausarbeiter haben diese Insassen besondere Aufgaben. Sie teilen das Essen aus und sind für kleinere Hausmeisterarbeiten sowie für die Wäsche zuständig", klärt mich der Leiter des Gefängnisses auf. "Der große Vorzug als Hausarbeiter ist aber nicht nur die Beschäftigung, die Zelle ist den ganzen Tag geöffnet, um die verschiedenen Aufgaben verrichten zu können." "Diese speziellen Insassen müssen ein größeres Vertrauen genießen", merke ich an.

"Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser",

antwortet Herr Hödl. Erst in diesem Jahr sind zwei Beamte zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Ein Häftling des offenen Vollzugs fuhr bei einem Freigang ohne Führerschein Auto und verursachte auf der Flucht vor der Polizei eine Kollision mit einem anderen Fahrzeug. Den Beamten, welche die Verlegung in den offenen Vollzug entschieden hatten, wurde jetzt eine Mitschuld am Tod des 21 Jahre alten Opfers im anderen Auto zugesprochen.

"Bei solchen Entscheidungen stehen wir schnell selbst mit einem Bein im Gefängnis",

erklärt eine Kollegin Herrn Hödls. Auch wenn das Urteil des Limburger Gerichts noch nicht rechtskräftig ist, wird sich jeder Justizvollzugsbeamte in Zukunft vor solchen Entscheidungen hüten.

Wir folgen dem Geruch des Essens in die Haftanstalt. Ich stelle fest, dass es überraschend lecker riecht. Auf den Gängen jedes Trakts warten bereits die Gefangenen mit ihrem Geschirr. Als ich in ihr Sichtfeld komme wird es lauter. Aufgeregt wird untereinander getuschelt. Neugierige Blicke werden in meine Richtung geworfen. Ich will den Gang betreten, als hinter mir Herr Hödls Stimme erklingt.

"Bleiben Sie lieber hier stehen".

Ich fahre zusammen und stehe wie schockgefrostet auf der Türschwelle. Es ist ruhig geworden. Wer nicht gerade mit Essen versorgt wird, starrt mich an. "Ich wollte Sie nicht erschrecken", entschuldigt er sich. "Nur rechts von der Tür geht der Gang noch weiter," erklärt er. Ich wäre mitten unter den Inhaftierten gestanden.

Ein Gefühl, als hätte mir jemand eiskaltes Wasser ins Genick geschüttet.

Gänsehaut breitet sich von meinen Armen über meinen ganzen Körper aus. Bedächtig mache ich einen Schritt zurück und beobachte still die Essensausgabe. Königsberger Klopse, Reis und Kapernsoße werden auf die Eisentabletts geschaufelt. Jeder bekommt, soviel er will. Wortlos gehen die Insassen mit den vollen Tabletts in ihre Zellen. Hinter ihnen werden die Türen verriegelt.

Während wir jeden Winkel des Gebäudes erkunden, kommen uns immer wieder Kollegen entgegen. Mir fällt auf, wie vertraut der Umgang miteinander ist. Kurze Pläuschchen werden gehalten, ein Witz gemacht oder ein Lächeln ausgetauscht.

Eine gute Beziehung und Vertrauen unter den Beamten ist wichtig.

Nicht nur weil es einen schöneren Arbeitsalltag fördert, sondern auch, weil es zu einer optimalen Betreuung und Beaufsichtigung der Insassen beiträgt. "Vor allem bei der Übergabe zur nächsten Schicht ist ein detaillierter Informationsaustausch wichtig. Einem Insassen geht es vielleicht nicht so gut, weil er eine schlechte Nachricht erhalten hat. Da schaut man dann öfter vorbei. Oder ein Häftling ist sauer auf einen Beamten und hat Rachepläne erwähnt. In dieser Situation ist erhöhte Vorsicht geboten. So etwas muss weitergegeben werden", wird mir erklärt.

Ein Stockwerk höher sehen wir uns eine der Zellen genauer an. Im Jahr 1859 wurde das Gefängnis erstmalig bezogen. Seitdem wurde natürlich renoviert, dennoch ist die Situation in der Haftanstalt nicht mehr optimal, wie der Leiter offen zugibt. Die Lösung ist ein komplett neues Gefängnis außerhalb Passaus, das in 4 Jahren fertiggestellt werden soll. Momentan sind 83 Inhaftierte auf die 77 Haftplätze verteilt. Bei einer Belegung von 112% müssen sich einige der Gefangenen eine der ohnehin schon winzigen Zellen teilen. Mir wiederstrebt es, die Gefängniszelle zu betreten. Ich fühle mich, als würde ich die Privatsphäre des Insassen verletzen. Aber sobald wir zu zwei in der Zelle stehen, verstehe ich, dass es so etwas wie Privatsphäre hier nicht gibt. Ein Stockbett aus Metall, ein Holztisch mit Fernseher und ein abgegrenztes Klo – mehr würde hier auch nicht hineinpassen. Ein kleines, hochgelegenes Fenster lässt etwas Licht herein. Jetzt kommen auch die Gefühle, auf die ich die ganze Zeit gewartet hatte:

Beklommenheit, Klaustrophobie, die Angst, eingesperrt zu sein.

Ein Engegefühl breitet sich in meiner Brust aus. Es ist stickig. Ich flüchte auf den Gang, um frische Luft zu schnappen. Keine Ahnung, wie man es da drin aushält.

Wir laufen wieder nach unten. Die Gefangenen sind jetzt auf den Gängen vor den Zellen. Kaum erhaschen die Männer einen Blick von mir, steigt der Geräuschpegel wieder an. Herr Hödl mit der Hand, die Gefangenen lachen, er grinst. "Führen sie im Rahmen der Betreuung auch öfters Gespräche mit den Gefangenen? Viele Ansprechpartner hat man hier ja nicht, außer Mitgefangene", frage ich ihn. "Jeder Gefangene ist anders. Manche Häftlinge sind extrovertiert und reden gerne, andere eher nicht so. Man muss auch sehr wachsam sein und viel beobachten.

"Wir sind nicht nur dafür da, um Gefangene zu beaufsichtigen, wir haben auch eine Fürsorgepflicht."

Allgemein ist es wichtig, die Anliegen der Inhaftierten ernst zu nehmen und einen offenen Dialog zu führen. Auch uns unterlaufen Fehler, aber wenn man sich entschuldigt, wird das auch meistens akzeptiert. Wird beispielsweise ein ansonsten extrovertierter Gefangener immer stiller und zieht sich zurück, ist das ein Alarmsignal für uns. Dann sprechen wir ihn schon an, falls er dann nicht reden will, ziehen wir einen Sozialberater oder Psychologen hinzu, um den Inhaftierten zu unterstützen. In großen Gefängnissen ist das einfach, da gibt es diese Berufsbilder speziell im Gefängnis. In Passau müssen wir manchmal Sozialberater, Psychologe, Pfarrer, einfach alles in einem sein, bis jemand von außerhalb kommt.

Aber das ist das Schöne an der Arbeit: Man weiß am Anfang des Tages nie, was alles passieren wird."






 

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Zeit für einen "Schichtwechsel": Einfach mal die Perspektive ändern und den Blick schärfen für einen Alltag, der dem Studentenleben alles andere als ähnlich ist.

Wir gehen (hin und wieder) in die Vorlesungen, treffen uns in der Mensa, engagieren uns in Hochschulgruppen und verbringen unsere Abende auf der Innwiese. Während wir im Hörsaal sitzen, legt ein Kapitän mit seinem Schiff am Donauufer an. Wenn wir in der Mensa essen, platzieren Handwerker zur gleichen Zeit den Grundstein für ein neues Bauprojekt. Und beim ersten Zischen unseres kühlen Bieres auf der Innwiese bereitet sich im selben Augenblick ein Pfarrer für seinen Abendgottesdienst vor. Passau hält die verschiedensten Alltagsgeschichten bereit.

Wir, Lena, Verena, Marina, Caterina und Alex kehren dem Campus den Rücken, damit wir diese Geschichten selbst erleben und Euch weitererzählen können.

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