Icon Breadcrumb Sie sind hier:




Die etwas andere Stadtführung  |  06.07.2018  |  11:00 Uhr

Ich hab' die Pest!

Unterwegs mit der Hofapothekerin Eleonora Röttler

Lesenswert (5) Lesenswert kommentierenKommentare Weitersagen Weitersagen drucken Drucken


  • Artikel 4 / 11
  • Pfeil
  • Pfeil




Von Alexander Kriegl

"Das ist mehr Spaß als Arbeit." Welcher Student kann das schon von seinem Nebenjob behaupten? Eine, die es kann, ist Merle Neumann. Wenn sie nicht gerade im Hörsaal oder Seminarraum sitzt – die 19-Jährige studiert Medien und Kommunikation in Passau – zeigt sie den Touristen die schönsten Ecken der Dreiflüssestadt. Das Besondere: ihre Führungen gleichen mehr einem "Auftritt" als einer "klassischen" Stadttour. Kein Totreden der Teilnehmer mit schnöden Jahreszahlen und Fakten, Merle liefert eine echte "Show". Die Teilnehmer werden interaktiv in die Führung mit einbezogen und selbst Teil der Geschichte Passaus – Unterhaltung garantiert. Das Herz der gebürtigen Dessauerin schlägt ohnehin für die Schauspielerei. Die Studentin ist Teil der "Stadtfuchs"-Touren, die der Passauer Historiker Matthias Koopmann seit 2001 in der Dreiflüssestadt und im Landkreis anbietet. Heute schaue ich mir diese "Kostüm- und Erlebnisführung" einmal genauer an und schlüpfe dabei spontan in die Rolle des Bürgermeisters, werde vom Bischof spöttisch belächelt und erkranke plötzlich an der Pest. Ob ich den "schwarzen Tod" sterbe?


- Alexander Kriegl


Station 1: Rathausplatz

Eins ist sicher: Das Outfit kann sich sehen lassen. Ein barockes Gewandt, blondes, voluminöses Haar, eine braune Ledertasche. So muss die Hofapothekerin von damals wohl ausgesehen haben. Merle schreitet würdevoll heran, blickt in die Runde: "Gott zum Gruß edelwerte Damen und erlauchte Herren!" Die Studentin lässt eine Teilnehmerin einen Prinzen auserwählen, den sie direkt in die Erzählung einbaut: "Gestattet teurer Prinz, dass ich mich Euch und den Euren in aller Form auch vorzustellen weiß: Eleonora Röttler, geborene Freiin von Freyenstein, Hofapothekerin zu Passau." Merle verbeugt sich dabei vor dem frisch gekrönten "Prinzen". Anschließend fragt sie in die Runde, ob man denn auf der Suche nach einer Herberge sei, wo man es sich gut gehen lassen könne. Dabei streichelt sie mit der flachen Hand über den Bauch einer Teilnehmerin – und zaubert spätestens jetzt jedem in der Gruppe ein Lächeln ins Gesicht. "Was haltet ihr davon, wenn ich euch etwas mit der Stadt und ihren Verhältnissen vertraut mache?"

Kurzerhand einen Bischof ernannt

Merle beginnt, über die Geschichte Passaus zu erzählen: von den Herrschaftsverhältnissen zur damaligen Zeit, die Geschichte der Veste Oberhaus und dem Handel an den drei Flüssen, der die Schatzkammern der Stadt nur so sprudeln ließ. Damals waren demnach die Bischöfe Reichsfürsten zugleich – und an Macht nicht zu überbieten. Um das zu demonstrieren, streckt sie die Hand jenes Mannes, den sie zuvor zum Bischof ernannt hatte, in die Höhe.

Eine falsche Antwort - und ich war dran...

Nun führt uns Merle vor den ehemaligen Haupteingang des Rathauses. Dort finden sich neben dem Stadtwappen, dem "roten Passauer Wolf", auch Kriegsknechte mit Streitäxten und Steinen wieder. Merle eklärt, diese Abbildungen stünden für den Widerstand der Bürger und deren Kampf für Recht und Freiheit. "Wenn so etwas am Rathaus prangt, da waren Bürgermeister und Stadtrat mächtig, nicht wahr?" Sie stellt die Frage direkt an mich. Und nun gut, Geschichte war nie meine Stärke. Deswegen antworte ich, etwas unsicher, mit "Ja". Merle ist empört über mein Unwissen. "Da kann der Bischof nur lachen", sagt sie spöttisch in meine Richtung, und wendet ihren Kopf dann jenem Mann zu, den sie zuvor zum Bischof gemacht hatte. Und tatsächlich: "Unser" Bischof lacht – die Inszenierung klappt perfekt. So bekomme ich die Quittung für meine ausbaufähigen Geschichtskenntnisse…

Nach einem kurzen Aufenthalt beim Hotel "Wilder Mann" führt Merle uns in die Höllgasse…


- Alexander Kriegl




Als die "Halser" zu Lebensrettern wurden

Freilich, auch die Höllgasse bleib von der "Jahrhunderflut" 2013 nicht verschont. Das Wasser stand vor fünf Jahren 12,89 Meter hoch. Die Hochwassermarken in der Pfaffengasse, welche die Höllgasse kreuzt, erinnern daran. "Da hätten wir alle in der Gasse einen Tauchschein machen können", sagt Merle. Dabei war dies nicht einmal der höchste Wasserstand aller Zeiten in der Dreiflüssestadt. 1501 stand das Wasser noch einen halben Meter höher: 13,20 Meter. Die Stadt war von der Außenwelt damals gänzlich abgeschnitten. "Und denkt daran, das Wasser stand unverändert 10 Tage auf der Höhe. Eine schlimme Sache, besonders schlimm für dieses Frauenzimmer", sagt Merle, und pickt sich eine Teilnehmerin heraus. "Sie lebte 1501 in dem Hause hinter uns. Als das Wasser kam, hat sie es gerade noch geschafft ihr nacktes Leben ins obere Geschoss zu retten." Die Lebensmittel aber seien im Erdgeschoss gelagert gewesen -  Wie ging es weiter?

"Nur seht her, die Rettung ist ganz nah", versichert Merle. Damit meint sie eine ältere Dame, die nun auch in ihre erste Rolle schlüpfen darf. "In Form dieser Bäckerin aus Hals." Das ist eine kleine Ortschaft am Rande Passaus, an der Ilz gelegen. Die Halser habe es nicht so arg getroffen mit dem Hochwasser. Deshalb hätten sie Brot gebacken "wie verrückt", und es mit Booten zu den Flutopfern gebracht. "Meint ihr nicht, unsere Bäckerin hat für ihren Einsatz eine Belohnung verdient?", fragt Merle. "Nun dann Bäckerin – schlagt ein", spricht Merle mit frohlockender Stimme und schüttelt der Rentnerin die Hand.


- Alexander Kriegl




"Puh! Was ein übler Gestank!" – Der Pest sei Dank…

Unsere Route verläuft weiter in der Pfaffengasse. Auf dem Weg zum Dom halten wir bei einer alten Haustüre. Auf den ersten Blick ist mir nicht wirklich klar, warum wir hier halten. Da kommt Merles Erklärung gerade recht: Es handle sich hier um eine der ältesten Haustüren der Stadt. Doch damit nicht genug. Merle verweist auf die Klappe in der Mitte der Türe. Heute ist sie vergittert, damals aber war das noch nicht der Fall. Merle macht eine kurze Pause - unsere Gruppe rätselt, was sich dahinter wohl verborgen hat. "Man nennt sie das…" Merle wird plötzlich laut (die ältere Dame erschrickt): "Pest-Türchen zu Passau!"

Mit der Pest gab es erhebliche Probleme. Immer wieder suchten Pestwellen die Stadt heim. Und wodurch die Krankheit übertragen wurde, war lange unklar. Merle blickt mit suchendem Blick in die Runde. Sie wird doch nicht? Doch! Und schon hat es mich erwischt - ich hab' die Pest! Merle wählt mich aus: "Dieser arme Pestkranke erklärt euch nun, was man damals für die Übertragung der Seuche verantwortlich gemacht hat." Na toll, meine Rolle als Bürgermeister war mir ja irgendwie lieber. Merle fährt fort: "Und nun erweist euch als echter Freund: Pustet so stark ihr könnt in die Runde". Ich puste also meine Gruppe an – und denke mir schon davor wie komisch das wohl für Außenstehende wirken mag. Doch Eleonora Röttler hat uns ja dann doch irgendwie in ihren Bann gezogen…

Etwas mehr Hygene hätte mir anscheinend nicht geschadet: "Puh! Was ein übler Gestank", meint Merle und verzieht dabei das Gesicht. Die Pestkranken hatten halt nunmal einen fürchterlichen Atem. Merle geht noch einen Schritt weiter und erklärt: "Wenn die Pestbeulen, prall mit Eiter gefüllt, aufplatzten – es stank bestialisch." Puh, das ist eklig – finden auch die anderen Teilnehmer, zumindest kann ich das in so manchem Gesicht ablesen...

Weiter geht es über den Domhof…


- Alexander Kriegl




Auf den Domplatz…


- Alexander Kriegl




Auf den Residenzplatz, wo Merle die Blicke der Touristen auf sich zieht und unsere Tour ihr Ende findet


- Alexander Kriegl




Drei Fragen an Merle Neumann in der Rolle der Hofapothekerin Eleonora Röttler

Merle, du kommst aus Dessau (Sachsen-Anhalt). Wie kam es dazu, dass du hier in Passau Stadtführungen gibst?

Merle Neumann: Von diesem Nebejob habe ich über eine Bekannte erfahren. Für Kellnern hielt ich mich zu ungeschickt und die Tätigkeit als Stadtführerin verbindet einfach ganz viele Interessen von mir. Ich habe gern mit Menschen zu tun, mag die Schauspielerei sehr – unterm Strich ist das für mich mehr Spaß als Arbeit. Das ist das Geniale, denn ich gehe da nie hin ohne Lust darauf zu haben.

Wie lange hat es gedauert bis du den Text (25 Seiten) gelernt hast?

Merle Neumann: Ich kann zum Glück gut auswendig lernen. Letztendlich hat sich das Text-Lernen über gut ein halbes Jahr gezogen, weil ich immer wieder Pausen gemacht habe. Aber wenn man die Unterbrechungen nicht berücksichtigt würde ich sagen, dass es etwa einen Monat gedauert hat.

Was war dein schönstes Erlebnis als Stadtführerin? Gibt es auch Momente, an jene du dich ungern zurückerinnerst?

Merle Neumann: Ich habe einmal einen Gospelchor durch Passau geführt. Das Ganze hat ihnen super gefallen, weshalb sie mir als Dankeschön "musikalisch mein Herz erfreuen" wollten und einen Gospelsong in der neuen Residenz für mich gesungen haben. Sie haben es wunderschön gemacht und ich habe mich natürlich total über diese nette Aktion gefreut. Die peinlichste Situation war sicherlich eine Stadtführung, die ich nach den Semesterferien gelaufen bin. Ich hatte das Ganze zu diesem Zeitpunkt erst ein halbes Jahr gemacht und mir den Text davor eine längere Zeit nicht angesehen. Dementsprechend hatte ich vereinzelte Passagen des Textes nicht mehr im Kopf – was auch auffiel. Das ist mir aber ab diesem Zeitpunkt nie wieder passiert, ich habe definitiv daraus gelernt (lacht). Die Teilnehmer haben aber ein Auge zugedrückt und fanden die Tour trotzdem schön.






 

(dies stellt eine direkte Verbindung Ihres Browsers zu Facebook her)
Weitere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung (Abschnitt: Nutzung von Drittanbieter-Plug-Ins)


Dokumenten Information
Copyright © PNP-Campus 2018
Dokument erstellt am
Letzte Änderung am




Über Schichtwechsel




Zeit für einen "Schichtwechsel": Einfach mal die Perspektive ändern und den Blick schärfen für einen Alltag, der dem Studentenleben alles andere als ähnlich ist.

Wir gehen (hin und wieder) in die Vorlesungen, treffen uns in der Mensa, engagieren uns in Hochschulgruppen und verbringen unsere Abende auf der Innwiese. Während wir im Hörsaal sitzen, legt ein Kapitän mit seinem Schiff am Donauufer an. Wenn wir in der Mensa essen, platzieren Handwerker zur gleichen Zeit den Grundstein für ein neues Bauprojekt. Und beim ersten Zischen unseres kühlen Bieres auf der Innwiese bereitet sich im selben Augenblick ein Pfarrer für seinen Abendgottesdienst vor. Passau hält die verschiedensten Alltagsgeschichten bereit.

Wir, Lena, Verena, Marina, Caterina und Alex kehren dem Campus den Rücken, damit wir diese Geschichten selbst erleben und Euch weitererzählen können.

Folgt uns auch auf Facebook und Instagram!


Hier schreiben Studenten der Universität Passau. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Übung am Lehrstuhl für Medien und Kommunikation unter der Leitung von Professor Thomas Knieper erstellen sie ihre eigenen Blogs. Darin nehmen sie die Uni von innen unter die Lupe, testen Passaus Lifestyle-Qualitäten oder geben ihren Kommilitonen Tipps fürs Leben als Student. [Tutorial]




Limitierte Aktion


Jetzt das Studentenabo der Passauer Neuen Presse bestellen und gratis BIBBAG sichern! [mehr]








realisiert von Evolver