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Mit Blaulicht durch Passau  |  29.06.2018  |  10:00 Uhr

Ehrenamtlich Leben retten

Ich war einen Tag lang mit dem Rettungsdienst des Bayerischen Roten Kreuzes unterwegs

von Caterina Klaeden

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Tropf…Tropf…Tropf…Ich konzentriere mich auf die Infusion, die vor mir hängt, um mein Mittagessen nicht recyceln zu müssen. Durch die beiden kleinen Heckfenster erkenne ich den Dom. Gleich sind wir im Krankenhaus.

"Bitte keine abgeschnittenen Gliedmaßen oder ein verletztes Kind", hoffte ich, als ich noch nicht wusste, was mich am Einsatzort erwarten würde. "Hier fahr'n ma a wengle schneller", hatte Bernhard gesagt, während er mich im Rückspiegel anlächelte. Ich verstand zunächst nur "schneller", nickte und lächelte- so wie ich es öfter mache, wenn meine Bayerisch-Kenntnisse mal wieder nicht ausreichen. Das Martinshorn setzte ein und die Geschwindigkeit des Wagens drückte mich leicht in den Sitz. Hier bereute ich es das erste Mal, eben noch schnell mein Mittagessen verschlungen zu haben.

Jetzt sitze ich im Rettungswagen hinter dem Patienten*. Der Notarzt legt den Zugang für die Infusion. "Bitte nicht umkippen", sage ich mir immer und immer wieder in Gedanken. Einer Nadel dabei zuzusehen, wie sie sich langsam unter die Haut schiebt, gehört definitiv nicht zu meinen Hobbies. Der weiße Tupfer in der Hand des Notarztes färbt sich langsam rot und ich muss die Zähne zusammenbeißen. "Na das haben wir ja ohne große Überschwemmung hingekriegt", sagt der Arzt lächelnd zum Patienten, der zwar bei vollem Bewusstsein ist, aber nur verzögert reagiert. Die Verdachtsdiagnose lautet: Schlaganfall.

Vom Tierarzt zum Notfallsanitäter: Medizinische Multitalente

"Jetzt muss alles sehr schnell gehen", erklärt mir Philipp. "Die Besitzer haben bereits eine Gesichtslähmung festgestellt...Die Angehörigen meine ich natürlich". Philipp ist gelernter Tierarzt. Er arbeitet nicht wie der Fahrer vom Notarzteinsatzfahrzeug - und heute auch ich - beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK), sondern beim Malteser Hilfsdienst. Am Einsatzort spielt das jedoch keine Rolle, im Gegenteil. Die Sanitäter und Einsatzfahrer der verschiedenen Rettungsdienste arbeiten Hand in Hand, Konkurrenzdenken gibt es nicht, stattdessen freut man sich, mal wieder aufeinanderzutreffen. "Im Grunde sind wir Ermittler", beschreibt Philipp und überprüft die Werte des Patienten: die Herzfrequenz und den Blutdruck. Mit jedem Handgriff strahlt er Begeisterung für diesen Beruf aus. Dabei handelt es sich hierbei nicht einmal um seinen Hauptberuf, Philipp macht das Ganze ehrenamtlich.

Frank (links) ist Leiter der BRK-Wache und Martin (rechts) arbeitet ehrenamtlich beim Rettungsdienst

Frank (links) ist Leiter der BRK-Wache und Martin (rechts) arbeitet ehrenamtlich beim Rettungsdienst | Caterina Klaeden

Frank (links) ist Leiter der BRK-Wache und Martin (rechts) arbeitet ehrenamtlich beim Rettungsdienst - Caterina Klaeden


Auch beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) gibt es Einige, die hier ehrenamtlich für eine geringe Aufwandsentschädigung 12-Stunden-Dienste leisten. "Manche würden den Job sicher gern hauptberuflich machen. Aber dafür ist er einfach zu schlecht bezahlt. Deswegen bleibt es bei einer Freizeitbeschäftigung", erzählt Martin, der selbst seinen eigentlich freien Samstag auf dem Rettungswagen verbringt.

Treffpunkt Notaufnahme

Während der Fahrt ins Krankenhaus erklären mir Philipp und der Notarzt abwechselnd, welche Schritte jetzt erledigt werden müssen, um ein Zeitfenster von etwa vier bis sechs Stunden einzuhalten. Nur so können mögliche Schäden, die durch einen Schlaganfall entstehen, gering gehalten werden. Nachdem der Patient im Krankenhaus abgegeben und mit "Alles Gute für Sie" von Notarzt und Sanitätern verabschiedet wurde, wird vor der Notaufnahme noch schnell der Rettungswagen hergerichtet. Nebenbei analysiert Philipp noch das Krankheitsbild von Bernhards kleinem Hündchen, einem Chihuahua, der vergangene Woche wohl unter einem Virusinfekt gelitten hat - ein echtes Multitalent, der Philipp. Immer wieder geht ein Alarm los und nach und nach verlassen die Rettungswagen die Notaufnahme.

Zurück auf der Wache versucht mich Bernhard von einem Stück Mohnschnecke zu begeistern, doch mir ist noch immer etwas flau in der Magengegend. Nachdem ich einem zweiten Überredungsversuch entkommen bin und auch den Joghurt dankend ablehnte, piept es zum nächsten Einsatz. Wieder rutscht mir das Herz in die Hose. Wieder ist bei Bernhard und beim Notarzt keine Spur von Hektik oder Aufregung zu bemerken. Wieder hoffe ich, dass es nichts Schlimmes ist. Es geht zur alten Dult. Im Auto wird bereits spekuliert, ob es vielleicht eine Maß zu viel war. Vor Ort erkennt der Notarzt, dass verschiedene Faktoren auf das "gestörte Bewusstsein", wie es über Funk hieß, einwirken: Der Patient hat den Tag über kaum getrunken, kaum gegessen und die schwüle Hitze schien den Rest zu erledigen. Die gemessenen Werte machen einen Krankenhausaufenthalt unabdingbar.

Kurz vor Schichtwechsel noch einen Einsatz

Mittlerweile bin ich seit knapp sieben Stunden unterwegs. Das war nicht mein Plan. Eigentlich wollte ich nur einen Einsatz miterleben. Jetzt fahre ich zum fünften Mal mit Blaulicht durch Passau, diesmal nicht mit Bernhard im Notarztfahrzeug, sondern mit Martin und Frank im Rettungswagen des BRK.

Kurze Zeit später stehe ich im Badezimmer des Patienten. Die Szenerie ähnelt einem Tatort aus einem Krimi: An der Waschmaschine prangt ein blutiger Handabdruck, die weißen Fließen sind mit roten Sprenkeln übersäht. Ein kleiner Hocker ist zum Verhängnis geworden: Der Patient stürzte und schlug sich den Kopf an. "Das muss leider genäht werden", sagt Frank, während er die Platzwunde begutachtet. Doch der Patient bleibt gelassen, lässt sich von Frank und Martin zum Rettungswagen geleiten und scherzt noch: "Gut, dass ich Sie stütze, was?" Wobei der Patient etwa halb so groß und doppelt so alt wie die beiden ist.

Wieder zurück in der Notaufnahme wird der Patient direkt versorgt. "Bitte nicht so viele Haare entfernen", höre ich noch aus dem Behandlungsraum sagen, während ich mich ein letztes Mal auf den Weg zum Rettungswagen begebe. Es ist 19 Uhr 45, theoretisch haben Frank und Martin seit einer Dreiviertelstunde Feierabend. Praktisch sieht das ziemlich oft anders aus. "Wenn kurz vor Schichtwechsel ein Einsatz reinkommt, müssen wir nochmal los", sagt Martin und ich glaube, in seinem Gesicht ein Anzeichen von Erschöpfung erkennen zu können.

*Anmerkung: Um die Anonymität der Patienten zu wahren, wurde auf die Angabe des Geschlechtes verzichtet. Es kann sich in jedem Fall um einen Mann als auch um eine Frau handeln.







 

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