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Jeder kennt den schwarzen Anzug als Markenzeichen der Bestatter - doch kaum einer will sich Gedanken um ihre Tätigkeiten machen.  |  01.06.2018  |  10:00 Uhr

Men in Black

Ich habe den Versuch gewagt und zwei Tage lang einen Bestatter begleitet.

von Verena Rehrl

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Das Geschäft mit dem Tod

Freitag, 8 Uhr. Während Andere den letzten Arbeitstag der Woche beginnen und die meisten Studenten gerade erst die Tiefschlafphase erreichen, bin ich bereits auf dem Weg zum Bestatter. Herr Gass lächelt mir schon aus der Ferne entgegen. Er lädt Teelichter, Sterbebilder, Aufsteller, Vasen und die dazugehörigen Blumen in sein Auto. Alles, was man für eine Trauerfeier eben so braucht. Von einem großen, gerahmten Foto auf der Rücksitzbank blickt ein älterer Herr auf. Der Verstorbene. Ich kenne weder seinen Namen, noch seine Familie oder die Geschichte, warum sein Bild auf der Rückbank eines Bestatters liegt. Trotzdem fühle ich mich bedrückt. Das schrille Klingeln eines Telefons reißt mich aus meinen Gedanken. "Der Anrufer hat sich über Feuerbestattungen erkundigt", informiert mich Herr Gass wenige Minuten später. Vor ihm liegt die Preisliste eines Krematoriums. Es geht nach Gewicht. "Eine solche Preisliste würde der Angehörige nicht zu sehen bekommen, das ist Sache des Bestatters", erwidert er auf meinen erschrockenen Blick. Das ist gut so, denke ich, denn der Preis für die Feuerbestattung eines Kindes hat sich wahrscheinlich für immer in mein Gehirn eingebrannt. Während die letzten Vorkehrungen für die anstehende Verabschiedung getroffen werden, blättere ich durch einen Katalog für Urnen. Auf Hunderten von Seiten stehen verschiedene Formen, Farben und Verzierungsmöglichkeiten zur Auswahl. Von der Schriftart über den Aufdruck eines Fotos bis hin zur Veredelung mit Swarovski-Steinen ist alles möglich. Wenn ich ehrlich bin, wäre ich damit als Angehöriger überfordert. Aber genau dafür ist ja der Bestatter da.

"Die Trauerfeier ist sehr wichtig für die Hinterbliebenen. Es ist der letzte Eindruck, den der Verstorbene hinterlässt"


| Verena Rehrl

- Verena Rehrl


Als ich in Fürstenzell aus dem Auto stieg, bot sich ein für mich neuer Anblick. Anstatt streng in Reih und Glied stehender Grabsteine führt ein Holzsteg über einen modernen Teich zum "Garten des Friedens". Während um mich herum emsig Dekorationsartikel in den Verabschiedungsraum getragen werden, lasse ich mir kurz Zeit, um den Friedhof auf mich wirken zu lassen. Er sieht mehr aus wie ein schön gepflegter Garten. Auf einer Grasfläche sprießen Rosenstöcke empor. Es gibt Apfel- und Birnbäume sowie diverse bunte Sträucher, die über eine Blumenwiese verteilt wachsen. Nur kleine goldene Namensschilder verraten, dass man sich hier auf einen Urnenfriedhof befindet. Es ist schwül, die Luft ist schwer und dick. Ich ziehe meine Jacke aus. Wie es den Bestattern gerade in ihren schwarzen Anzügen geht, will ich mir gar nicht vorstellen. Ich folge ihnen in Richtung des Verabschiedungsraumes. Als die Tür des modernen Baus hinter mir ins Schloss fällt, sind Vogelgezwitscher und das Plätschern des kleinen Baches verschwunden. Die plötzliche Stille ist unangenehm und ich erinnere mich, warum wir eigentlich hier sind: Eine Familie muss Abschied nehmen von dem Mann auf dem Bild. "Die Trauerfeier ist sehr wichtig für die Hinterbliebenen. Es ist der letzte Eindruck, den der Verstorbene hinterlässt", erklärt mir Herr Gass, während sein Mitarbeiter mit dem Aufbau des Traueraltars beginnt. Kerzen werden aufgestellt, Stoffe drapiert und der Blumenschmuck zurechtgelegt. Eine Mitarbeiterin des anliegenden Krematoriums bringt die versiegelte Kapsel mit der Asche des Verstorbenen herein. Vorsichtig wird die Aschekapsel in die Urne eingesetzt und verschlossen. Bestatter und Mitarbeiterin bleiben einen Moment mit gesenkten Köpfen vor der Urne stehen. Eine Sache des Respekts. Noch 20 Minuten, bis die Trauergäste eintreffen. Einige Teelichter brennen bereits in der Schale. Ich bin neugierig, warum. Die Antwort darauf lautet: "Die Gäste wissen sofort, was sie mit den Teelichtern anstellen sollen. Und falls jemand kein Feuerzeug hat, kann er seine Kerze an einer der Brennenden anzünden."


- Verena Rehrl


Herr Gass behauptet von sich selbst, Perfektionist zu sein, und das merkt man auch. Obwohl einiges an Dekorationsartikeln im Verabschiedungsraum vorhanden ist, bringt er lieber sein eigenes Dekor mit. Den schwarzen Stoff, mit dem die Aufsteller überzogen sind, findet er besonders schlimm. Er wirkt düster. Ich pflichte ihm bei. Seine Farbauswahl wirkt viel schöner. "Wollen sie den Trauernden die Teelichter anreichen?", die Frage kommt aus dem Nichts. Ich zögere. Mit meinen schwarzen Nikes und dem grauen Cardigan fühle ich mich fehl am Platz. "Sie müssen natürlich nicht", meint der Bestatter. "Nein, nein, ich mache das gerne", antworte ich schnell. Wenn er denkt, niemand stört sich an meiner Kleidung, wird das wohl so sein. Als die ersten Angehörigen eintreffen, stehe ich mit Matthias, Herrn Gass Mitarbeiter, an der Eingangstür. Ich halte die Schale mit den Teelichtern, er die Sterbebilder. Immer noch mache ich mir Sorgen wegen meiner Kleidung. Was, wenn sich jemand aufregt, über das Mädchen in den Sportschuhen? Sekunden später schäme ich mich dafür, mich selbst gedanklich so in den Mittelpunkt zu stellen. Die Trauernden haben mit Sicherheit andere Sorgen. Als der Zeitpunkt gekommen ist, reiche ich die Teelichter und begrüße die Familie höflich. Ich kann die Trauer spüren, aber versuche sie nicht an mich heran zu lassen. Mitfühlen, aber nicht trauern lautet die Devise. Dennoch wird meine Stimme immer leiser. Ein Verwandter geht vor dem Gebäude aufgeregt auf und ab. Jemand kommt zu spät. Herr Gass stellt sich zu ihm und spricht beruhigende Worte. "Es ist nichts aus der Zeit", versichert er dem Aufgebrachten. Während der Zeremonie halten wir uns im Hintergrund. Ich fühle mich wie ein Fremdkörper. Die Gäste sitzen gebeugt auf ihren Stühlen, als würde sie eine schwere Last hinunter drücken. Es fällt nicht leicht, die Trauer abzuwehren. Der unbekannte Verstorbene auf dem Bild von heute Morgen hat jetzt einen Namen, eine Frau, eine Geschichte. Als der Schwiegersohn von ihm erzählt, muss ich mir auf die Backe beißen, um die drohenden Tränen zu verhindern. Er scheint ein sehr netter Mann gewesen zu sein. Nachdem die Familie mit der Urne nach draußen zur Grabstelle aufgebrochen ist, geht alles ganz schnell. Kerzen werden ausgeblasen, die Dekoration wieder in den Kofferraum geräumt. Die Arbeit für heute ist getan.

Der schwarze Bereich

"Alles, das mit den Toten selbst in Berührung kommt, gehört zum schwarzen Bereich", erklärt mir der Bestatter. Es ist Montagmorgen und wir stehen vor der Passauer Klinik. Die Bestatter haben wieder ihren schwarzen Anzug an. Ich schiele auf den silbernen Koffer in Herrn Gass' Hand. Eine Verstorbene wird gleich vorbereitet werden und anschließend in ein Krematorium überführt. Während ich Matthias durch die endlosen Gänge des Krankenhauses folge, frage ich, was sich in dem Koffer befindet. Trockenshampoo, eine Bürste, Nagelfeilen, Öl für die Hände, Puder zum Aufsagen von Flüssigkeit und einiges mehr wird mir aufgezählt. Ich habe mir vorgenommen, professionell und tapfer zu sein, aber jetzt ist mir doch etwas schwindelig. Wir kommen am anderen Ende der Klinik heraus. Herr Gass steigt aus einem Transporter aus. Gemeinsam hieven die Bestatter den leeren Sarg auf ein Gestell mit Rollen. Wir begeben uns mit dem Sarg zurück in die Klinik. Ich werde immer nervöser. Schließlich bleiben wir vor einer breiten Tür stehen. Die Haare auf meinen Armen richten sich auf. Als wir eintreten, bin ich überrascht. Wir befinden uns in einem Abschiedsraum. An der Wand leuchtet ein orangefarbenes Kunstwerk entgegen. Ich muss blinzeln. Es soll an ein Kreuz erinnern, aber nicht zu sehr, falls die Angehörigen nicht christlich sind. Mein Herzschlag beruhigt sich etwas, bis ich am anderen Ende des Raumes die doppelflügelige Tür entdecke.


| Verena Rehrl

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Der Sarg wird geöffnet. Innen ist er mit weißem Stoff ausgekleidet, darunter saugfähiges Material. Ein Kissen und die weiße Decke lassen ihn fast gemütlich erscheinen. Die Bestatter stellen den Sarg vor das Kreuz, damit ich Fotos schießen kann. Mit der Verstorbenen darin wird das später natürlich nicht mehr möglich sein. Ich werde nicht gefragt, wie es mir geht, aber ich bemerke die aufmerksamen Blicke. "Wollen Sie den Vorbereitungsraum sehen?", werde ich gefragt. Ich antworte mit einem schlichten "Ja". Die Flügeltür wird geöffnet. Vor mir liegen die "Kühlkammern", in denen die Leichname aufbewahrt werden. Es sieht genau so aus, wie man es aus Filmen gewohnt ist. Ich entdecke mehrere Waschbecken und Aufbewahrungsschränke. Direkt gewaschen werden die Verstorbenen nicht. Nach einiger Zeit werde ich höflich gebeten, den Bereich jetzt zu verlassen, da sie jetzt mit der "Waschung" der Toten beginnen. Ich bin erleichtert, versuche den Raum nicht fluchtartig zu verlassen. Als ich vor dem Raum auf den unbequemen Krankenhausstühlen sitze, grüble ich, ob ich die Verstorbene noch sehen werde. Ich schwitze, obwohl es kühl ist, bin nervös, habe ein wenig Angst. Das wäre die erste tote Person, die ich sehe. Die Tür öffnet sich einen Spalt und ich schrecke aus meinen Gedanken auf. "Wollen sie die Tote sehen?", fragt mich Herr Gass behutsam. Ich nehme mir einen Moment Zeit. Wird mich der Anblick verfolgen oder werde ich umkippen? Dann fasse ich Mut. Ich antworte, wie schon einmal heute, mit einem schlichten aber festen "Ja". Als ich aufstehe, atme ich tief durch, um meinen Herzschlag zu beruhigen, dann folge ich dem Bestatter in den Raum. Mein Blick fällt sofort auf den Sarg in der Mitte des Raumes. In ihm liegt eine ältere Dame. Ihre Hände sind liebevoll auf der Decke gefaltet. Sie hält eine Rose. Auch zu ihren Füßen liegt eine Rose. Ich traue mich näher heran. Sie ist in eine Wolljacke gekleidet. Den Hals ziert ein bunter Schal. Als ich mich endlich traue, ihr Gesicht zu betrachten, erfüllt mich weder Angst noch Ekel, sondern eine tiefe Ruhe. Sie strahlt absoluten Frieden aus. Das Gefühl des Unwohlseins und die Angst, die ich verspürt habe, verlässt meinen Körper. Ich fühle mich wohl, obwohl direkt vor mir eine Leiche liegt. Erst jetzt fällt mir die flackernde Kerze und die kleine Schale mit Weihwasser neben dem Sarg auf. Die Bestatter wollten diesen Augenblick - nur für mich - schön gestalten. Und dafür bin ich unendlich dankbar. In diesem Augenblick habe ich die Wichtigkeit dieses Berufs begriffen. Ein Bestatter hat nicht nur die Verantwortung für einen schönen letzten Abschied für Angehörige zu sorgen, sondern die vertrauensvolle Aufgabe unser aller letzten Weg zu begleiten.

Q&A mit einem Bestatter






 

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Zeit für einen "Schichtwechsel": Einfach mal die Perspektive ändern und den Blick schärfen für einen Alltag, der dem Studentenleben alles andere als ähnlich ist.

Wir gehen (hin und wieder) in die Vorlesungen, treffen uns in der Mensa, engagieren uns in Hochschulgruppen und verbringen unsere Abende auf der Innwiese. Während wir im Hörsaal sitzen, legt ein Kapitän mit seinem Schiff am Donauufer an. Wenn wir in der Mensa essen, platzieren Handwerker zur gleichen Zeit den Grundstein für ein neues Bauprojekt. Und beim ersten Zischen unseres kühlen Bieres auf der Innwiese bereitet sich im selben Augenblick ein Pfarrer für seinen Abendgottesdienst vor. Passau hält die verschiedensten Alltagsgeschichten bereit.

Wir, Lena, Verena, Marina, Caterina und Alex kehren dem Campus den Rücken, damit wir diese Geschichten selbst erleben und Euch weitererzählen können.

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Hier schreiben Studenten der Universität Passau. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Übung am Lehrstuhl für Medien und Kommunikation unter der Leitung von Professor Thomas Knieper erstellen sie ihre eigenen Blogs. Darin nehmen sie die Uni von innen unter die Lupe, testen Passaus Lifestyle-Qualitäten oder geben ihren Kommilitonen Tipps fürs Leben als Student. [Tutorial]




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