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Ausbildung von Blindenführhunden  |  19.07.2018  |  09:00 Uhr

Avanti Vai!

von Carolin Gögl

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In Gedanken versunken blicke ich aus dem Zugfenster. Von der dichten Wolkendecke am Himmel in trübe Farben getauchte Wälder und Felder rasen an mir vorbei. Ich bin auf dem Weg nach Regensburg, wo ich mich mit Frau Detzer treffe. Sie bildet Hunde zu Blindenführhunden aus. Ihre Stimme kenne ich bisher nur vom Telefonieren, ihr Aussehen kann ich von einem kleinen Foto auf ihrer Webseite nur grob ausmachen. Was mich wohl erwartet? Wie wird die Arbeit mit den Hunden aussehen? Ob ich vielleicht auch ein kleines Stück mit einem Blindenführhund gehen darf? Alle diese Fragen kreisen durch meinen Kopf, bis mich eine monotone Stimme über Lautsprecher mit den Worten "Nächster Halt: Regensburg Hauptbahnhof" aus meinen Gedanken reißt. Schnell ziehe ich meine Jacke an, hänge mir meine Tasche über die Schultern und vergewissere mich nochmal, dass ich auch ja meine Kamera bei mir habe. Ich bin etwas nervös, aber die Vorfreude überwiegt definitiv.

Mit Chucky am Hauptbahnhof Regensburg
Als ich aus dem Zug aussteige und mich umsehe, erkenne ich Frau Detzer sofort. Sie ist schlank, etwa 50 Jahre alt und hat braunes, lockiges Haar. Neben ihr steht ein dunkelbrauner Labrador. Freundlich lächelt mir die Hundetrainerin zu, als ich ihr entgegen gehe und sie begrüße. "Das ist Chucky", erklärt sie mit Blick auf ihren Begleiter, "und wo wir schon mal hier sind, zeige ich dir gleich ein Paar Dinge, die der Blindenführhund am Bahnhof können muss". Als erstes soll Chucky die Tür eines Zuges anzeigen. "Porta" lautet das Kommando, auf das der Vierbeiner hört und den Knopf an der Tür des Zuges sucht. Sobald er ihn gefunden hat, deutet er mit seiner Schnauze darauf, sodass die blinde Person - in diesem Fall die Ausbilderin - den Knopf leicht finden kann. "Sowas können wir leider nicht oft üben, da die Züge nie lange stehen bleiben", erklärt Frau Detzer mit einem zufriedenen Schmunzeln im Gesicht.

Blindenführhund Chucky zeigt seiner Ausbilderin Frau Detzer den Knopf an der Zugüre an.

Blindenführhund Chucky zeigt seiner Ausbilderin Frau Detzer den Knopf an der Zugüre an. - Carolin Gögl


Die nächste Anlaufstation ist eine Bank, auf der bereits einige Leute sitzen. "Das ist sehr gut", freut sich die Trainerin. Chucky soll nun einen freien Sitzplatz auf der Bank finden, ohne sich dabei von den anderen Menschen ablenken zu lassen. "Sini banca!". Im Gegensatz zu mir versteht Chucky das Kommando und weiß genau, was er machen soll. Gezielt und dennoch rücksichtsvoll geht er auf die Bank links von ihm zu, direkt auf den freien Platz in der Mitte, und setzt sich. Frau Detzer lobt den Blindenführhund mit liebevoller Stimme und gibt ihm ein Leckerli, welches sie auf die Sitzfläche legt. So lernt Chucky, dass er alles richtig gemacht hat. Ich bin ziemlich beeindruckt, wie fokussiert der Hund die Anweisungen befolgt und dennoch wirkt, als würde er ein aufregendes Spiel mit Frau Detzer spielen.

Chucky sucht einen freien Sitzplatz für Frau Detzer

Chucky sucht einen freien Sitzplatz für Frau Detzer - Carolin Gögl



Spielerisches Lernen...

"Ich bin kein Fan der alten Schule", sagt Frau Detzer, "die Hunde sollen mit Freude bei der Sache sein". Beim Training mit ihren Hunden setzt sie vor allem auf Lob und Leckerli. Für Chucky sollen die Kommandos keine lästigen Aufgaben sein, er soll begreifen, dass er dem Menschen dadurch hilft und Spaß dabei haben. Um sich jedem Hund ausreichend widmen zu können, bildet Frau Detzer nur drei Hunde gleichzeitig aus. Während der etwa achtmonatigen Ausbildung wohnen die Hunde bei ihr in der Wohnung. Zweimal täglich wird mit jedem Hund trainiert, zu Beginn jeweils nur 30 Minuten, später bis zu zwei Stunden. "Länger am Stück geht nicht, irgendwann lässt die Konzentration nach, das ist wie bei Kindern", erläutert die Trainerin ihr Vorgehen.

...auf Italienisch
Ob Treppen, Sitzplätze, Türen oder Aufzüge: Chucky bringt Frau Detzer sicher durch die zum Teil vollen Gänge des Bahnhofes nach draußen zur Straße. "Brava" lobt sie ihren klugen Hund. "Wieso benutzen Sie so komische Kommandos?", frage ich Frau Detzer etwas irritiert. Sie lacht. "Das ist Italienisch. Wenn ich Deutsch mit den Hunden sprechen würde, dann würden alle Leute gucken und den Hund womöglich ablenken. Auf italienisch hingegen versteht mich kaum einer und der Hund kann sich auf das Kommando konzentrieren". Macht Sinn, denke ich mir, und folge den beiden weiter die Straße entlang. "Avanti Vai" höre ich immer wieder. Dieses Kommando sagt dem Hund, dass er geradeaus gehen und einen geeigneten Weg finden soll. Chucky muss dabei sowohl auf Hindernisse am Boden, sowie auch über seinem eigenen Kopf, beispielsweise die herabhängenden Äste eines Baumes achten, damit der Blinde ungehindert gehen kann.

Die zweite Hauptfigur: Cora
Auf einem kleinen Parkplatz angekommen, öffnet die Blindenführhundtrainerin die hintere Türe ihres großen Geländewagens. Ich erschrecke etwas, als plötzlich ein weiterer Hund aus dem Wagen springt und mich freudig begrüßt, doch dann muss ich lachen und streichle die altdeutsche Schäferhündin. "Das ist Cora", stellt Frau Detzer die Hündin vor, "im Gegensatz zu Chucky, der schon vier Monate lang im Geschirr läuft, lernt sie erst seit drei Wochen". Ich bin gespannt, was man einem Blindenführhund in dieser kurzen Zeit beibringen kann, doch schon nach wenigen Minuten bemerke ich überrascht, wie viel Cora bereits gelernt hat. Im Folgenden Video könnt ihr euch selbst vom Können der quirligen, hübschen Schäferhündin überzeugen:


Blindenführhunde als anerkanntes Hilfsmittel
Laut §33 SGB V gelten Blindenführhunde als anerkannte Hilfsmittel, die Blinden von den Krankenkassen auf Anfrage zur Verfügung gestellt werden. Frau Detzer sucht sich ihre Hunde als Welpen aus, übergibt diese anschließend für ein Jahr an sogenannte Paten, die die Welpen aufziehen und nimmt sie dann für die Ausbildung zurück zu sich. Ihr ist es wichtig, dass sich Paten und Blinder persönlich kennen lernen. "Dann fällt es ihnen leichter, ihren kleinen Racker loszulassen, weil sie stolz sind, dass er einem Blinden durchs Leben hilft", sagt sie. Außerdem hat eine gute Beziehung zwischen Blindem und Hund für die Trainerin oberste Priorität: "Ich würde nie jemandem einen Hund geben, der gar nicht zu ihm passt". Daher sollen sich auch die blinde Person und ihre Hunde zuvor kennenlernen. Natürlich eignet sich nicht jeder Hund als Blindenführhund. Ausgeglichenheit, Interesse, Geräuschunempfindlichkeit sowie ein ruhiges Wesen sind wichtige Eigenschaften.

Ein glücklicher Zufall
Seit 20 Jahren übt Frau Detzer nun schon diesen Beruf aus. Dass sie zu ihrer jetzigen Arbeit gefunden hat, war damals reiner Zufall: "Ich schaue sonst nie fern, aber damals - beim Blusen Bügeln - habe ich eine Reportage über diesen Beruf gesehen und da wusste ich: das will ich machen". Ihr Beruf fasziniert sie, sie liebt die Arbeit mit den Tieren und sie ist glücklich darüber, etwas Sinnvolles in ihrem Leben zu machen, mit ihrer Arbeit anderen helfen zu können. Genau diese Leidenschaft konnte auch ich den ganzen Tag über wahrnehmen. Die intensive Beziehung zwischen ihr und den Hunden hat mich fasziniert und eines steht für mich definitiv fest: Ein Blindenführhund ist mehr als nur ein "anerkanntes Hilfsmittel".

Zum Schluss darf ich mich selbst von Chuckys Können überzeugen.

Zum Schluss darf ich mich selbst von Chuckys Können überzeugen. | Carolin Gögl

Zum Schluss darf ich mich selbst von Chuckys Können überzeugen. - Carolin Gögl


Blindes Vertrauen
Als wir mit Cora zurück zum Auto kommen, grinst Frau Detzer mich mit freudig funkelnden Augen an. "Und?", fragt sie, "hast du jetzt Lust, auch mal ein Stück mit Chucky zu gehen?" Natürlich brauche ich dafür nicht lange zu überlegen. Wir gehen in eine kleine Straße, in der kein Verkehr ist. Ich bin nervös, als sie mir das weiße Geschirr in die Hand gibt. "Schließ deine Augen", sagt sie mit ruhiger Stimme, "und bleib ganz entspannt". Mein Herz pocht doch ich konzentriere mich darauf, regelmäßig und langsam zu atmen. Es ist ein komisches Gefühl, nichts zu sehen. Alle Geräusche wirken lauter, ich fühle mich etwas hilflos, doch ich habe das Führgeschirr von Chucky fest in der Hand. "Avanti Vai!" höre ich Frau Detzer rufen. Chucky beginnt zu gehen. Obwohl er ganz gemütlich geradeaus geht, fühlt es sich mit geschlossenen Augen viel schneller an. Ich spüre, wie sich das Geschirr in meiner Hand langsam hin und her bewegt. Ich konzentriere mich auf das gleichmäßige Wackeln und werde langsam etwas lockerer. "Genau, bleib ganz entspannt", höre ich Frau Detzer hinter mir. Nach wenigen Schritten ist es sogar ein angenehmes Gefühl, mich völlig auf die Führung von Chucky zu verlassen. Es fühlt sich gut an. Befreiend. Erleichternd. Plötzlich bleibt Chucky stehen. Ich öffne reflexartig die Augen und schaue zu ihm. Wir sind an einem Bordstein angelangt. Für Sehende eine Selbstverständlichkeit, für Blinde ein Hindernis, das Chucky brav anzeigt und auf Lob und weitere Kommandos wartet. Ich streichle Chucky und merke, dass ich ein breites Lächeln im Gesicht habe. Ich bin beeindruckt, was ein Blindenführhund leistet und mit welcher Freude er das macht. Ich habe an diesem Tag viele Eindrücke gesammelt, viel Neues gelernt und vor allem gemerkt, wie intensiv die Arbeit mit den Hunden tatsächlich ist. Dennoch hatte ich heute mit Sicherheit genauso viel Spaß wie Chucky und Cora und bin überglücklich, dass ich diese Erfahrung machen durfte.






 

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