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Artikel Panorama

05.07.2018  |  12:00 Uhr

Das Geschäft mit dem Hund

Ein Versuch, herauszufinden, welche Gesichter hinter den Hundeverkäufern auf Ebay-Kleinanzeigen stehen

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 Von Laura Sandjohann

Montagmorgen. Ich sitze an meinem Schreibtisch vor dem Fenster. Es regnet. Ich öffne meinen Laptop. Er braucht mal wieder viel zu lange zum Hochfahren. Bin ich gut vorbereitet? Gedanklich schweife ich ab und lasse dieser Frage ihren Raum. In den letzten Wochen bin ich einige Szenarien durchgegangen, die passieren könnten, habe mir eine Rolle überlegt... doch jetzt scheint alles real und greifbar zu werden. Ich stecke mittendrin. Wie von alleine tippt sich das Wort "Hundewelpe" auf Ebay-Kleinanzeigen ein. Deutschlandweit erscheinen 7.776 Anzeigen. Ich kategorisiere weiter und grenze das Einzugsgebiet auf Passau mit einem Radius von 50 km ein. Eine neue Zahl erscheint. 80 aktive Anzeigen. "Wer wohl die Gesichter dahinter sind", denke ich mir.

Eine Anzeige weckt mein Interesse. Dort werden Hundewelpen für 450 Euro angeboten – drei Rüden und ein Weibchen, allesamt gerade mal acht Wochen alt. Ich zensiere an dieser Stelle das genaue Angebot. Denn immer wieder muss ich mir selbst die rechtlichen Konsequenzen vor Augen führen. Gerade dieser schmale Grat zwischen Datenschutz und der eigenen Moral wird mich herausfordern. Eine Erkenntnis, die ich erst zu einem späteren Zeitpunkt erlangen werde, wenn ich kurz davor stehe, aus meiner Rolle zu fallen und den Versuch abzubrechen. Dem Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz meine Infos zu übermitteln.

"Schütze dich vor unseriösem Welpenhandel. Unterstütze keine Tierquälerei" erscheint in einem weißen, viel zu grellen Kasten, als ich auf die erste Anzeige klicke, und rückt damit alles andere in den Hintergrund. "Unseriöser Welpenhandel". Ganz schön große Worte dafür, dass die Anzeige auf den ersten Blick liebevoll gestaltet wirkt. Die Hundewelpen seien gechipt und in liebevolle Hände abzugeben, steht dort. Dass eine Reservierung mit Anzahlung jedoch bereits vor dem ersten Kennenlernen der Welpen möglich ist, macht mich stutzig.



Mit zittrigen Händen tippe ich die erste Nachricht und gebe meine Handynummer an. Abgeschickt. Gut ein Tag vergeht, bis mein Telefon klingelt. Nachmittags um drei. Ich nenne sie Susanne, die Stimme am anderen Ende der Leitung. Sie klingt warmherzig. Warmherzig und routiniert. Mir kommt es so vor, als hätte sie dieses Gespräch schon einige Male geführt... nur eben nicht mit mir. Sie erklärt mir kurz, dass ich 80 Euro überweisen solle, um einen Hund zu reservieren und ob ich mir schon einen Welpen vom Bild ausgesucht hätte. Die rot markierten seien allerdings schon vergeben. Doch auch ich habe mich vorbereitet. Betone einige Male, dass ich gar keine Ahnung von Hunden habe und mein Partner mir erst seit wenigen Wochen mit dem Kauf eines Hundes auf den Ohren läge. Wir beide beruflich sehr eingebunden seien und sich auch unsere derzeitige Wohnsituation nicht wirklich zur Haltung eines Hundes eigne. Doch meine Antworten finden keinen Raum. Susanne ist eine Meisterin darin, sie positiv umzuformulieren. Schließlich sei es doch bestimmt irgendwann unser Ziel, umzuziehen. Vielleicht in ein kleines Haus mit Garten, wenn wir beide doch im Job so erfolgreich seien. Ich fühle mich geschmeichelt, obwohl dieses Szenario nicht weiter von meinem jetzigen Leben entfernt sein könnte. Und so überweise ich per Paypal 80 Euro.



Wenige Tage später stehe ich vor einem einst weiß gestrichenen Mehrfamilienhauses, das nun mehr an ein Grau erinnert. Rund 48 km von Passau entfernt. Es wird von einem kleinen Holzzaun umgeben, der sichtlich in die Jahre gekommen ist. Das Holz ist an vielen Stellen morsch. Ein mulmiges Gefühl überkommt mich, aber ich weiß, dass mein Freund im Auto auf mich wartet. Bereit, einzugreifen. Wir stellen eine Telefonverbindung her. Er schaltet sich stumm. Schon halb ausgestiegen, machen wir "Kaufvertrag" zu unserem Code-Wort. Eiligen Schrittes laufe ich zur Haustür, denn nach deutscher Manier möchte ich pünktlich zum abgemachten Zeitpunkt erscheinen. Susanne öffnet die Tür. Die Stimme vom Telefon passt zu ihrem Erscheinungsbild: eine schmale Frau, Mitte 50. Ihre langen, blonden Haare, die sie zu einem Zopf zusammengeknotet hat, drohen jede Sekunde auseinander zu fallen. Sie begrüßt mich mit einem Kopfnicken und führt mich schnurstracks durch den langen Flur in das "Hundezimmer". "Hundezimmer", das klingt nicht gerade nach Auslauf im Freien, denke ich mir. Dennoch versuche ich, unvoreingenommen zu bleiben. Folge ihren schnellen Schritten und frage mich zeitgleich, ob die Telefonverbindung noch hält. Ein beklemmendes Gefühl überkommt mich, das ich nicht zuordnen kann und langsam in mir wächst.

Da sind sie also: Die Welpen. Von einer Art "Riesen-Gitterbett" umgeben verkriecht sich ein jeder von ihnen in seiner Ecke. Es ist mit ein paar alten Bettdecken ausgelegt. Die Wände sind Gelb. Wahrscheinlich vom Urin. Der Geruch ist im Raum deutlich präsent. Ich versuche, meine Nase nicht zu verziehen und ein Gespräch aufzubauen. "Wie lange züchten Sie schon Hunde?", frage ich. Als Antwort erhalte ich ein paar Floskeln, aus denen ich nicht wirklich schlüssig werde. "Ein paar Jahre, so nebenbei", fange ich jedoch auf. Fragen zu meiner Person werden nicht gestellt. Vielleicht war für Susanne bereits nach dem Telefonat alles geklärt. Es ist mir unangenehm, die Welpen anzuschauen, zeitgleich fällt es mir schwer, den Blickkontakt mit Susanne zu halten. Ich möchte zum Schluss kommen, denn je mehr Zeit vergeht, desto mehr strengt es mich an, nicht aus meiner Rolle zu fallen. Susanne keine Vorwürfe zu machen. Nicht gleich alle Welpen mitzunehmen.

"Nancy ist ein ganz süßes Weibchen, oder? Sie würde gut zu euch passen", unterbricht Susanne die Stille. Die Aussage verwirrt mich. Ich habe kein Wort über meinen Partner verloren. Kein Bild gezeigt. Und generell hat sie nur die Informationen von mir, die ich ihr bereitwillig zur Verfügung gestellt habe. Ich nutze die Gelegenheit aber dennoch. "Dominik ist Boxer und zieht häufiger mal mit seinen Jungs um die Häuser, da fände er einen Rüden besser. Irgendwie ist ein Hund ja auch ein Statussymbol", antworte ich und zweifle an meiner Überzeugungskraft. "Gut, dann wird es wohl eher Joe". Das hat Susanne wohl geschluckt.

Das darauffolgende Gespräch verschwimmt bei mir gedanklich. Wir unterhalten uns noch kurz über das frühestmögliche Abholdatum und den Preis. Insgesamt 480 Euro soll ich für Joe bezahlen, inklusive Welpen Futter für einen Monat. Ich will hier raus. Reiche Susanne zwischen Tür und Angel die Hand und bitte um Bedenkzeit. Susanne betont, dass ich mich schnell entscheiden solle und setzt mir eine Frist von drei Tagen. Ich nicke. Je mehr wir uns von dem Haus entfernen, desto bewusster wird mir, dass ich hätte gerade einen Welpen, ein Lebewesen, kaufen können. In der Rolle einer Person, die nichts über Hunde weiß, keinen Platz und keine Zeit hat und dessen Partner ein Phantom ist. Die wenigen Informationen, die ich Susanne bereitgestellt habe, hätten sie warnen müssen und mir wird klar, warum der Hinweis auf Ebay-Kleinanzeigen so angebracht war.






 

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