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Geld, Schampus und Sünde
Artikel Panorama

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Donnerstagnacht. Ich sitze mit drei Freunden an der Bar eines Passauer Bordells. Jeder hält sich an seinem Bierkrug fest. Ich fühle mich unwohl. Es läuft geschmacklose Weihnachtsmusik. Um die Situation erträglicher zu machen, reden wir belangloses Zeug. Wie sind wir hierher gekommen?

Geld und Frauen

Geld und Frauen

Geld und Frauen


Es beginnt mit der Idee, das Rotlichtmilieu in Passau zu erkunden. Julius* hat sich bereit erklärt, mich in ein einschlägiges Etablissement zu begleiten. Also treffen wir uns um 20 Uhr, um uns Mut anzutrinken. Die Stimmung ist seltsam. Zwei Studentenjungen, völlig grün hinter den Ohren, gehen gemeinsam in den Puff. Nervös machen wir Witze über unsere Situation. Im Laufe des Abends schließen sich uns immer mehr Freunde an. Fasziniert von unserem Plan. Mit jedem neuen Mitstreiter fühle ich mich erleichtert. Und mit jedem neuen Bier werde ich selbstbewusster. Am Ende sind wir eine siebenköpfige Gruppe, fünf Jungs und zwei Mädchen. Gegenseitig heizen wir uns an. Wir fühlen uns wie echte Draufgänger, weil wir in den Puff gehen und dort ein Bier trinken werden. Der Dekadenz dieses Gedankens sind wir uns nicht bewusst. Ein hässlicher Ausdruck studentischer Arroganz. Nach drei Bier und einem Schnaps sind wir bereit, unseren Plan in die Tat umzusetzen. Getrieben von Abenteuerlust, Neugierde und dem Bedürfnis, es endlich hinter uns zu bringen, nehmen wir den halbstündigen Fußmarsch in den Passauer Westen auf uns.

Am Ziel angekommen, bin ich ein wenig enttäuscht. Zwar macht die leuchtende Neonschrift an der Hauswand unmissverständlich deutlich, um was für ein Etablissement es sich hier handelt, trotzdem kommt mir das rot gestrichene Gebäude verhältnismäßig schlicht vor.

Ein Bier - zehn Euro

Ein Bier - zehn Euro

Ein Bier - zehn Euro


Im Inneren ein surreales Bild. Außer uns sehe ich nur drei Gäste. Männer Mitte zwanzig. Der längliche Barraum zieht sich wie ein Schlauch nach hinten. Ein Gang führt zur Bar auf der anderen Seite des Raumes. Er ist abgesteckt durch sechs schwarze Sofas. Darauf sitzen Prostituierte. In der Mitte dieses Wegs gibt es zwei Pole-Dance-Stangen. An den Wänden stehen erhöht schwarze Couches, wie in einer Arena dem Schauspiel in der Mitte zugewandt. Die Akteure dieses Schauspiels, eine Handvoll leicht bekleideter Frauen, mustern uns irritiert. Nichts anmerken lassen und erst mal zur Bar. Doch schon kommt uns der Barkeeper entgegengelaufen. Er schimpft: "Mädels sind hier nicht erlaubt." Wir fühlen uns ertappt. Also wieder raus. Einer der Jungs erklärt sich bereit, die Mädchen zurück in die Stadt zu begleiten. Wir restlichen Vier gehen wieder rein und setzen uns an die Bar. Der Barkeeper ist jetzt freundlicher. Unsere Bestellung: Vier Mal helles Bier. "Für das erste macht das für jeden 10 Euro." Laut Getränkekarte kostet ein Bier sechs Euro. Egal, bloß nicht nochmal auffallen!

Und so sitzen wir hier. Vier Fremdkörper, irritiert und verunsichert, obendrein das Gefühl verarscht worden zu sein. Unsere Blicke geradeaus an die Wand. Plötzlich spricht uns ein Typ von hinten an: "Wollt ihr denn keinen wegstecken?" Er ist Ende zwanzig, schwarz gekleidet und trägt eine Lederjacke. Wir unterhalten uns kurz. Er hat einen bayerischen Dialekt und spricht sehr abwertend über Frauen. Ich muss an den weißen Sportwagen denken, den ich auf dem Parkplatz vor der Tür gesehen habe. Alles hier stinkt nach kaltem Rauch und Überkompensation. Dieser Gestank steigt durch die Nase ins Gehirn und setzt dort eine Erkenntnis frei: Es geht hier nicht um Sex, sondern ums Ego.

Unsere neue Bekanntschaft zieht ab und wir entschließen uns, eine der Couches an der Wand zu besetzen. Von hier aus haben wir einen besseren Überblick. Die Inneneinrichtung erinnert an einen Tanzclub. Viele glatte Flächen und Lichtinstallationen in den Farben Rot und Lila. Es ist aber viel heller als in einem Club. Natürlich um den Voyeurismus gegenüber den halbnackten Frauen zu befeuern.

Geld und Schampus

Geld und Schampus

Geld und Schampus


Ein neuer Song wird gespielt. Arabische Pop-Musik. Der Barkeeper macht die Musik lauter und zwei Frauen beginnen an der Stange zu tanzen. Hohe Absätze, lange Fingernägel, lange glatte Haare, extrem knappe Reizwäsche – körperliche Reize so überstilisiert, dass kein Platz für Sinnlichkeit bleibt. Im Gegenteil, alles wirkt wie ein Klischee: Die platten sexuellen Fantasien eines testosterongesteuerten Teenagers. Erregend finde ich das nicht.

Eine Gruppe von Männern kommt herein. Sechs Leute, zwischen 25 und 50 Jahre alt. Dem Aussehen nach hätten wir sie genauso gut in jeder anderen Kneipe der Stadt treffen können. An die Bar gelehnt trinken sie Cola oder Bier und fokussieren lüstern die Frauen an der Stange. Der Barkeeper macht ein Handzeichen und einige der Prostituierten kommen näher. Ich sehe, wie ein dunkelhäutiges Mädchen auf einen Mitte-Vierzig-Jährigen aus der Gruppe zukommt. Sie ist höchstens 20 Jahre alt, hat ein sehr hübsches Gesicht und eine wirklich gute Figur. Zur Begrüßung begrabscht er ihren unbedeckten Hintern. Mir wird schlecht.

Rote Laterne

Rote Laterne

Rote Laterne


Ich will so schnell wie möglich raus aus dieser absurden Situation. Ich hab mein Bier schon fast leer getrunken. Bei Julius und einem meiner anderen Freunde sieht das ähnlich aus. Nur der Vierte ist noch nicht einmal bei der Hälfte. Er scheint sich nicht unwohl zu fühlen. Eine Frau mit rot gefärbten Haaren hat das wohl bemerkt. Nachdem sie sich bei jedem von uns mit Handschlag vorstellt, kommt sie mit ihm ins Gespräch. Sie hat einen osteuropäischen Akzent und ist circa 30 Jahre alt. Ihre knappe Kleidung gibt einen stark tätowierten Rücken preis. Sie sagt, wir sehen müde aus. Der andere Freund schaltet sich in das Gespräch ein. Aufgrund der lauten Musik nehme ich seinen holprigen Konversationsversuch nur halblaut war. Hat er sich gerade wirklich über das anstrengende Studentenleben beklagt? Im Gespräch mit einer Prostituierten! Aus Scham halte ich mir die Hände vors Gesicht und bereite mich mental auf einen Rausschmiss vor. Sie scheint verärgert zu sein, sagt aber nichts. An Smalltalk ist sie ohnehin nicht interessiert. Sie fragt meinen Freund, ob er nun mit auf ihr Zimmer geht oder nicht. Er lehnt ab und sie geht zurück zu den anderen Frauen.

Ein Großteil von ihnen ist in der Zwischenzeit mit den Männern von der Bar verschwunden. Zeit zu gehen. Schnell trinken wir die Reste aus. Als wir das Bordell verlassen, sind wir erleichtert.

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*Name wurde von der Redaktion geändert






 

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