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13.12.2017  |  11:00 Uhr

Vom Leben einer Großstadt-Nonne

Ora et labora in Kölns Straßen et Gassen

von Sarah BeckerÿSarah Becker

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Sie war immer die Tante, die mir auf den Familienfeiern meine Langeweile förmlich von den Lippen abgelesen und mir immer heimlich ihren Game Boy zum Spielen gegeben hat. Sympathisch, aufgeschlossen und immer mit einem lustigen Spruch auf den Lippen. Aber sie ist nicht nur das. Meine Tante ist eine Nonne und hat damit einen außergewöhnlichen Lebensweg gewählt. Allerdings ist Außergewöhnliches oft mit einer Menge Fragen und Vorurteilen verbunden. Um euch einen besseren Einblick in das Leben einer Klosterschwester zu geben, habe ich meiner Tante, Schwester Johanna, einige dieser Fragen gestellt.

 

Was hat dich dazu bewegt, Nonne zu werden?

Schwester Johanna: "Viele Entscheidungen im Leben stehen und fallen erstmal mit Vorbildern. In meiner Heimatstadt gab es Schwestern und die haben mich fasziniert. Im Kinderheim arbeiten, in der Gemeinde arbeiten und es hat auch etwas mit Politik zu tun. Es stand quer zum Sozialismus. Also war das Leben als Nonne anfangs erstmal so eine Art Protest gegen das, was mich umgab. Dann habe ich gemerkt, dass es aufgrund dieser intensiven Bindung auch mein Weg zu Gott war."

Wie alt warst du, als du dich für diese Herausforderung und diesen Lebensweg entschieden hast?

Schwester Johanna wenige Jahre nach ihrem Eintritt in den Orden

Schwester Johanna wenige Jahre nach ihrem Eintritt in den Orden | Edeltraud Bange

Schwester Johanna wenige Jahre nach ihrem Eintritt in den Orden - Edeltraud Bange


Schwester Johanna: "Ich wollte eigentlich schon mit 16 in den Orden eintreten, aber die Schwestern waren so vernünftig zu sagen, dass ich erst noch meine Ausbildung machen und was von der Welt sehen soll. Eingetreten bin ich dann mit 21."

Du bist jetzt seit über 40 Jahren Nonne. Hättest du am Anfang gedacht, dass es dich nach Köln verschlägt?

Schwester Johanna: "Ich komme aus der ehemaligen DDR, daher war daran gar nicht zu denken. Da war die Mauer. Ich war ein paar Jahre in Berlin, das hat mir schon gefallen. Seit über 25 Jahren wohne ich jetzt in Köln und es gefällt mir hier noch besser als in Berlin. Berlin ist unruhig, wechselhaft und schmutzig. Köln ist einfach nur schmutzig und fröhlich."

Wie sieht dein Tagesablauf aus? Was hast du heute alles gemacht?

Schwester Johanna bei ihrer Arbeit als Sozialpädagogin und Erzieherin

Schwester Johanna bei ihrer Arbeit als Sozialpädagogin und Erzieherin | Edeltraud Bange

Schwester Johanna bei ihrer Arbeit als Sozialpädagogin und Erzieherin - Edeltraud Bange


Schwester Johanna: "Heute Morgen bin ich um halb sechs aufgestanden, dann habe ich mich fertiggemacht und allein gefrühstückt, weil ich Frühdienst hatte. Ich leite eine Brennpunkteinrichtung in einer ehemaligen Obdachlosensiedlung, das heißt zu uns kommen Familien, die in erster Linie Hartz-IV-Empfänger oder Niedrigverdiener sind. Wir, meine neun Mitarbeiter und ich, sind eine Kindertagesstätte und betreuen Kinder ab drei Jahren bis hin zur Einschulung. Zusätzlich leite ich die Jugendarbeit und die Arbeit mit den Familien. Mit den Kindern habe ich nur am Rand zu tun. Ich bin Sozialpädagogin. Ich habe nach meiner Ausbildung nochmal ein Studium angeschlossen und vertrete die anderen ErzieherInnen gelegentlich.

Heute hatte ich als allererstes im Büro ein sich übergebendes Kind, bevor ich überhaupt den Computer hochfahren konnte. Ich habe einige Elterngespräche geführt, aufgeschrieben, welche Familien eine Gans zu Weihnachten möchten, die bekommen wir gesponsert. Außerdem habe ich heute zum ersten Mal, seit ich in Köln bin, eine Windel gewechselt."

Wie unterscheidet sich dein Alltag jetzt von der Zeit, wo du in einem eher traditionellen Kloster gelebt hast?

Schwester Johanna: "Das, wo ich jetzt lebe, ist nicht so, wie man die alten Klöster kennt. Wir leben zu viert in einem Reihenhaus in der Stadt. Wir beten morgens gemeinsam, essen Frühstück und dann bin ich den ganzen Tag weg. Wenn ich abends zurückkomme, beten und essen wir wieder gemeinsam, aber mittags esse ich dann mit den Kollegen. In Olpe leben zum Beispiel dreißig oder vierzig Menschen zusammen im Kloster. Das ist schon ein Unterschied. Der Alltag ist anders strukturiert. Da haben wir morgens zusammen gebetet und gefrühstückt, dann wurde gearbeitet, Mittagessen, gemeinsames Mittagsgebet, wieder arbeiten, gemeinsame Abendgebete und Nachtgebete. Das ist schon eine sehr viel engere Struktur gewesen. Hier gibt es zwar auch eine Struktur, aber die ist tatsächlich sehr viel losgelöster. Sehr viel eigenständiger."

Würdest du sagen, dass dir dieses losgelöstere Konzept besser gefällt?

Die Gemeinschaft ist im Orden sehr wichtig

Die Gemeinschaft ist im Orden sehr wichtig | Edeltraud Bange

Die Gemeinschaft ist im Orden sehr wichtig - Edeltraud Bange


Schwester Johanna: "Ich genieße manchmal auch das andere, weil alles gleich ist. Während ich hier gucken muss, dass ich so wichtige Sachen wie Meditation oder ein gemeinsames Gebet nicht schleifen lasse und denke, ach heute dann mal nicht. Eigentlich muss ich viel disziplinierter sein, weil ich selbst zuständig bin. Und in der Gemeinschaft ist das so wie in einer Familie. Da gibt's die, die dich nerven. Und dann gibt es die, die du besonders magst. Wie in einer Familie eben."

Und mit welchen Vorurteilen hat man als Nonne zu kämpfen?

Schwester Johanna: "Ich habe, als ich in den Westen kam, sehr viel mehr Vorurteilen gegenübertreten müssen als im Osten. Außerdem habe ich festgestellt, dass Menschen mit anderem Glauben oder ohne Glauben sehr respektvoll mir gegenüber sind."

Wie steht deine Familie dazu, dass du Nonne bist?

Schwester Johanna: "Es wird von ihnen mittlerweile akzeptiert. Sie bekommen ja mit, dass es mir gut tut und dass es mir gut geht. Und manchmal denke ich, sie sind auch ein bisschen stolz. Das war nicht immer so. Mein Vater hat während meines ersten Jahres im Kloster, das war damals noch in meiner Heimatstadt, immer so getan, als würde ich noch zu Hause wohnen. Irgendwann hat er sich dann aber daran gewöhnt."

Wolltest du immer Nonne bleiben oder hattest du mal Lust wegzugehen, zu heiraten, eine Partnerschaft einzugehen oder irgendetwas anderes zu machen?

Schwester Johanna: "Diese Frage wird mir sehr oft gestellt und an dieser Stelle sage ich immer ja. Natürlich ist mir das öfter eingefallen. Es gibt immer Situationen, wo man denkt, jeder andere Weg ist leichter, als der, den man gerade einschlägt. Aber ich glaube, dass ist in jeder Beziehung ähnlich. Es gibt sicher immer mal wieder die Situation, wo sich der eine oder der andere nicht verstanden fühlt und dann denkt, wozu mache ich das eigentlich, oder wo ich denke, habe ich mir da zu viel aufgeladen."

Würdest du dein Leben noch einmal genauso leben, oder würdest du etwas anders machen?

Schwester Johanna: "Ich würde mich sicher nochmal für diesen Lebensweg entscheiden, aber in der jetzigen Zeit wäre ich dann sicher erst 31, weil meine Erfahrung zeigt mir, dass heutzutage alles länger Zeit braucht."






 

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