Icon Breadcrumb Sie sind hier:




Passau  |  18.01.2016  |  09:30 Uhr

Bilder, die man nicht mehr wegdenken kann

Ein Leben zwischen Extravaganzen und Hyperindividuen

von Ramona Dinauer

Lesenswert (18) Lesenswert kommentierenKommentare Weitersagen Weitersagen drucken Drucken


  • Artikel 12 / 23
  • Pfeil
  • Pfeil




In weiten Jeans und einem Harley-Davidson Rippshirt kommt Mo ins Shamrock geschlendert. Die langen Haare sind zusammen gebunden und die Augen gerötet, weil er bis sechs Uhr morgens in einem Club hinter der Bar stand. Er lässt sich auf die Bank hinter einen der alten Pub-Tische fallen und bestellt ein Radler. Der Muskelkater von gestern plagt ihn – einerseits vom Arbeiten, andererseits vom Tanzen.

Eine Leben ohne Kaffeemaschine - unvorstellbar!

Eine Leben ohne Kaffeemaschine - unvorstellbar! | Ramona Dinauer

Eine Leben ohne Kaffeemaschine - unvorstellbar! - Ramona Dinauer


Mo, der eigentlich den klangvollen Namen Maurice Rene Primo Massari trägt, ist im künstlerüberfluteten Berlin geboren und aufgewachsen. Nach dem Abi wusste er nicht so richtig wohin mit ihm, worauf einige Zeit verging, in der er unter anderem eine Ausbildung zum Zahntechniker anfing. Bald darauf verschlug ihn die Liebe nach Passau. Die Beziehung zu seiner Linzer Urlaubsbekanntschaft hielt zwar nur ein Jahr, aber Mo blieb. Mittlerweile ist er im 14. Fachsemester seines Lehramtsstudiums für Deutsch und Geschichte: "Ich glaube, ich werde später mal ein fairer Lehrer werden, der nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche vorgeht." Schon mit dreizehn gab Mo Gitarrenunterricht und das Lehren würde auch heute noch zu ihm passen, allerdings dann als "Anzuglehrer, der mit Kompetenz besticht."

"Habt euch doch einfach alle lieb!"

"Habt euch doch einfach alle lieb!" | Ramona Dinauer

"Habt euch doch einfach alle lieb!" - Ramona Dinauer


Anders als in Berlin, wo an jeder Ecke in jeder Woche Poetry Slams stattfinden, kann man im provinziellen Passau schneller zu Ruhm gelangen. So durfte Passaus Poesie-Exportschlager auch im November zum National Slam fahren. "Das waren die fünf besten Tage meines letzten Jahres, auch wenn ich in der Vorrunde rausgeflogen bin", sagt Mo mit seinem rauen Lachen. Solche Veranstaltungen sind oft Ansammlungen von Extravaganzen und Hyperindividuen, was sehr anstrengend sein kann. Hier empfiehlt sich einfach: Erkenne das Arschloch und umgehe es!  Auf die Frage, was ihm besonders an Poetry Slams gefällt, meint Mo, "dass ich meine egozentrische Seite ausleben darf und alle mal die Fresse halten, wenn ich was zu sagen hab." Irgendwann hat er gemerkt, dass man, abgesehen vom Freibier, auch echt Spaß haben kann und so ist er beim Slammen geblieben. Mos Texte gehen meist in die Extreme. Sein Anspruch ist, Texte zu schreiben, die kein anderer geschrieben haben könnte, denn er möchte nicht zur breiten Masse gehören. Was die ein oder andere Ersti-Studentin beschämt zu Boden blicken lässt, löst bei anderen bauchmuskelkatererzeugendes Lachen über die oft nicht ganz jugendfreien Texte des 29-Jährigen aus. "Oft ist den Zuschauern gar nicht bewusst, dass man auf der Bühne eine Rolle spielt. Du projizierst den Leuten Bilder in den Kopf, die sie nicht mehr wegdenken können." Bilder von Rominas Vagina oder geöffneten Brustkörben zum Beispiel. Auf dem abgenutzten Pub-Tisch dreht er sich eine Zigarette. "So einen Tisch finde ich schöner, wenn er Kerben und Kanten hat, daran sieht man, dass er schon was mitgemacht hat." Genau wie Mo, der vieles ist, aber sicherlich keine Fließbandanfertigung.

Mo beim Slam im Hörsaal

Mo beim Slam im Hörsaal | Fotoprojekt lichtgestalten/ kultürlich

Mo beim Slam im Hörsaal - Fotoprojekt lichtgestalten/ kultürlich


Auch wenn der Berliner nicht unterschiedlicher als meine letzte Interviewpartnerin sein könnte, die Zeugin Jehovas Frau Balasus, fällt doch bei beiden derselbe Satz: "Glaube ist alles." Mo ist getauft und konfirmiert, dennoch ist das, was er glaubt, nicht ganz das, was er glauben sollte. "Ich glaube an etwas Göttliches, was in jedem und allem ist." Gott ist für ihn allerdings kein bärtiger Schöpfer, sondern vielmehr jegliche Energie und Materie. "Ich glaube daran, dass wir alle miteinander verbunden sind und auch an ein Leben nach dem Tod, aber ich lass mir immer die Möglichkeiten offen, an meinem Modell etwas zu verändern." Zu diesem Thema ließe sich seitens Mo noch ein Punkt auf der To-Do-Liste im Quietschi-Heft ergänzen: Sich einfach mal ein, zwei Stunden mit einem Bier vor den fast drei Meter großen Jesus in der Eduard-Hamm-Straße setzen, um diesen anzuschauen und zu sinnieren, auch wenn man mit der ganzen Sache nichts am Hut hat. Zum Beispiel über das allgemein vernachlässigte Prinzip von Bitte und Danke, egal, wen man vor sich hat. Daher eine Bitte des Poeten: "Seid doch bitte einfach alle lieb zueinander!"

Poet und Kabarettist

Poet und Kabarettist | Ramona Dinauer

Poet und Kabarettist - Ramona Dinauer


Ob in der Uni, der Garderobe der Camera oder mitten auf der Tanzfläche, Mos Inspiration, und damit sein Notizblock, ist oft da, wo sich das Leben abspielt. Gelegentlich wird er sogar auf der Straße angesprochen. Nicht immer nur mit Positivem, manchmal wird auch gefragt, was ihm überhaupt einfalle. Aber so ist das nun mal als Lokalberühmtheit. "Gut find' ich das schon", grinst Mo. Hätte er neben einem Notizbuch auch ein Poesiealbum, würde darin stehen: Lieblingsbuch: "Die Physiker" von Dürrenmatt und Lieblingsfilm: "K-PAX – Alles ist möglich" (die nicht geschnittene Version, schafft Bewusstsein!).

Wie man vielleicht trotz Prüfungsphase mitbekommen hat, fand am vergangenen Wochenende das Impuls-Festival statt. Im Rahmen dieses Popkulturfestivität kündigte Mo, mittels einer zehn Minuten vor der Show gefertigten Geschichte, die Newcomer-Band "Cone" an, obwohl er "mit der ganzen Sache eigentlich nichts zu tun hat". Früher spielte Mo selbst neun Jahre in einer Punk-Band, die klassische Gitarre spielt er heute noch. Dabei geht es aber eher um den Text.

Zurück auf der anderen Seite des Inns: Die Hände in den Hosentaschen biegt er in eine schmale Altstadtgasse ein, in der seine WG liegt. Sieben Leute wohnen dort unter einem eher kommunenähnlichen Konzept. Der Wahl-Passauer umgibt sich gerne mit extravaganten, lieben Menschen, die viel lachen. Um Milch für Mos zweites Lebenselexier, den Kaffee, zu holen, läuft er ein Stockwerk tiefer in eine befreundete WG, die wahrscheinlich, genauso wenig wie die seine, eine durchdesignte, staubfreie Ikea-Wohnung sein wird. Zwischen gelben Reclam-Büchern, leeren Tabakpackungen, einigen Gedichten auf Papierfetzen und einem überdimensionalen Zeitstrahl für Geschichte haben wir in Mos Zimmer seinen Text "Sprachkritik vs. Sprachbewusstsein" als Bewegtbild festgehalten. Selbst eine weiße Wand (bei Tageslicht!) füllt der Slammer und Kabarettist mit Eigenart, doch seht selbst:



Zu jeder Tasse und jedem Aschenbecher scheint es eine Geschichte zu geben, in der Wohngemeinschaft, die früher mal ein Schullandheim war und deren Partys heute mit mehreren DJs und ein paar hundert Leuten gefeiert werden. Mit diversen Kreativerzeugnissen (Mo malt gerne surrealistisch und zu therapeutischen Zwecken) ausgestattet, mutet diese Wohnung eher wie die niederbayerische Version von Andy Warhols "Factory" an. Wohl genau der Ort, an dem man Mos Leben und Schaffen vermutet hätte.






 

(dies stellt eine direkte Verbindung Ihres Browsers zu Facebook her)
Weitere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung (Abschnitt: Nutzung von Drittanbieter-Plug-Ins)


Dokumenten Information
Copyright © PNP-Campus 2018
Dokument erstellt am
Letzte Änderung am




Über HUMANSOFPASSAU




Eine Stadt - viele Gesichter.
Wir wollen euch mit unserem Blog einen Einblick in inspirierende Lebensgeschichten der Menschen in Passau geben.
Auf euch warten besondere Straßeninterviews - von witzigen bis hin zu ernsten und ganz besonderen, persönlichen Geschichten. Lasst euch überraschen, welche einzigartigen Menschen hinter ihren alltäglichen Masken stecken. Vielleicht betrachtet ihr sie das nächste Mal mit ganz anderen Augen.
Folgt unserem Blog und erfahrt Außergewöhnliches über die HUMANSOFPASSAU!

Eure Caro, Leila, Anna, Veronika, Hannah und Ramona


Hier schreiben Studenten der Universität Passau. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Übung am Lehrstuhl für Medien und Kommunikation unter der Leitung von Professor Thomas Knieper erstellen sie ihre eigenen Blogs. Darin nehmen sie die Uni von innen unter die Lupe, testen Passaus Lifestyle-Qualitäten oder geben ihren Kommilitonen Tipps fürs Leben als Student.




Limitierte Aktion


Jetzt das Studentenabo der Passauer Neuen Presse bestellen und gratis BIBBAG sichern! [mehr]








realisiert von Evolver