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06.07.2017  |  14:00 Uhr

Singen für den Frieden

Sie flohen aus ihrer Heimat - jetzt singen sie in Deutschland für ihre Heimat: Der syrische Friedenschor erhebt seine Stimme für den Frieden.

von katharina karl

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Jedes Jahr lädt der Migrationsbeirat der Landeshauptstadt München im Herzen der Stadt zu einem Fest der besonderen Art - dem Fest der Kulturen!

Hier können Zuschauer in eine Welt voller Diversität und Internationalität eintauchen und kulinarische Köstlichkeiten aus aller Herren Länder schlemmen, während Musiker und Tänzer aus zahlreichen Nationen für Unterhaltung sorgen. Am 1. Juli 2017 war es wieder soweit: Bereits um 13.00 Uhr eröffnete die Leiterin des Migrationsbeirats, Dimitrina Lang, gemeinsam mit dem Stadtrat Cumali Naz das Fest.

Ein Blick auf das Programm genügt, um zu wissen: Hier wird garantiert für jedermann etwas geboten! Von kurdischen und türkischen Tanzgruppen bis hin zu einem französischen Gesangsduo - internationaler geht es kaum. Mein Blick fällt auf die zweite Hälfte des Programms: Für 17.00 Uhr ist der syrische Friedenschor angesagt. "Du bist ja schon da", höre ich plötzlich eine Stimme rufen. Es ist Ahmed Abbas, der Leiter des Friedenschors. "Komm mit, unsere Sänger bereiten sich gerade für ihren Auftritt vor."

"Unsere Vision ist es, für Frieden in unserem Land zu singen."

Ahmed Abbas ist 22 Jahre jung und gründete den Chor vor eineinhalb Jahren. Ursprünglich sangen einige der jetzigen Chormitglieder in dem Chor Zuflucht, ein Musikprojekt, das vor drei Jahren in München gegründet wurde. Der Chor hatte einige bedeutende Auftritte, unter anderem trat er bei dem Bürgerfest des ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck sowie auch bei der ZDF Sendung Die Anstalt auf. Für den Auftritt des Chors gewann die Sendung damals sogar den Grimme-Preis und den Amnesty-Menschenrechtspreis. "Dann kam mir die Idee, einen eigenen Chor zu gründen", erzählt Ahmed. "Unsere Vision ist es, für Frieden in unserem Land zu singen. Wir möchten zum Nachdenken anregen - aber in erster Linie sollen die Leute Freude an unserer Musik haben."

Deea Alrehani und Taha Shbat

Deea Alrehani und Taha Shbat - Katharina Karl


Hinter der Absperrung stehen bereits mehrere junge Männer, die sich einsingen, ihre Instrumente stimmen und noch einmal einen letzten Blick in den Spiegel werfen, bevor es später auf die Bühne geht. Dabei fällt mir ihre Kleidung auf - alle tragen ein T-Shirt mit roter Aufschrift. Auf einem der T-Shirts kann ich die Aufschrift Damaskus-München lesen, auf einem anderen wiederum Homs-München, darunter etwas in arabischer Schrift. Ahmed bemerkt meinen Blick und erklärt, was es damit auf sich hat: "Wir haben 14 syrische Städte auf die T-Shirts gedruckt. Die Städte sind teilweise die Heimatstädte unserer Sänger, wir haben aber auch bewusst die Städte ausgewählt, die besonders stark durch den Krieg zerstört wurden. So wollen wir an unsere Heimat erinnern. Gerne würden wir auch mal in syrischer Tracht auftreten, um den Deutschen noch mehr von unserer Kultur zu zeigen. Die Anschaffung einer solchen Tracht ist jedoch sehr teuer."

Momentan finanziert sich der Chor durch Spenden. Außerdem wird aktuell ein passender Proberaum gesucht, was sich in einer Stadt wie München alles andere als einfach gestaltet. Neue Sänger findet Ahmed meist im deutsch-syrischen Verein e.V. Aktuell sind die Sänger zwischen 13 und 23 Jahre jung: "Einige von ihnen sind seit der Gründung des Chors an Bord, andere erst seit wenigen Monaten", erzählt Ahmed. Er selbst macht neben seiner Arbeit als Chorleiter eine Ausbildung zum Medizinfachangestellten. Doch mit dem Chor hat er künftig noch viele Pläne: "Wir möchten erreichen, dass möglichst viele Menschen auf uns aufmerksam werden. Der Chor liegt mir persönlich sehr am Herzen."

"Wir wollen unseren Beitrag für die Gesellschaft leisten. Musik verbindet!"

Etwas abseits des Geschehens sitzt der 20-jährige Deea mit seiner Oud. Das arabische Saiteninstrument erinnert an eine Gitarre. "Möchtest du mal probieren zu spielen?", fragt er mich und lächelt. Deea Alrehani ist seit drei Jahren in Deutschland. "Die Oud spiele ich erst, seitdem ich in Deutschland bin", erzählt er. "Ich spiele aber auch Klavier! Ich liebe die Musik, weil ich durch nichts besser meine Gefühle zum Ausdruck bringen kann. Ich würde gerne noch viel öfter mit dem Chor auftreten und wünsche mir, dass wir auf nationaler Ebene noch bekannter werden.  Es macht mich glücklich zu sehen, dass die Leute Spaß an unserer Musik haben und uns gerne zuhören. Die Menschen in Deutschland sollen sehen, dass wir uns engagieren und integrieren wollen. Das ist wichtig!" Neben Deea sitzt Taha Shbat, ein weiteres Mitglied des Chors. Taha ist erst 17 Jahre alt und seit 2015 in Deutschland. Auch er sieht in dem Chor mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung: "Wir wollen aktiv sein und unseren Beitrag für die Gesellschaft leisten. Musik verbindet!" Auch wenn der Chor für jeden von ihnen von großer Bedeutung ist, so hat doch jeder auch seine eigenen Pläne.

Haroun Shubat und Serdar Shbat

Haroun Shubat und Serdar Shbat - Katharina Karl


Haroun Shubat ist 21 und stammt aus der syrischen Hauptstadt Damaskus. "Mein Traum ist es, in Deutschland an einer arabischen Wochenendschule zu unterrichten. So können die Kinder, die in zweiter Generation in Deutschland aufwachsen und ihr Land nur durch Erzählungen kennen, ihre eigene Kultur besser kennen und verstehen lernen." Dieser Meinung ist auch der 19-jährige Mohamed Nour. Er kommt aus der syrischen Stadt Homs, seine Mutter stammt ursprünglich aus dem Libanon. Momentan besucht er eine Realschule in München. "Meine Idee ist es, eine arabische Wochenendschule zu eröffnen, die nicht nur syrischen Kindern zugänglich ist. Im Vordergrund soll dabei das spielerische Erlernen der arabischen Sprache stehen. Der Zugang zur Sprache soll natürlich in erster Linie durch die Musik stattfinden."

Es ist soweit. "Wir sind gleich dran", ruft Ahmed seinem Chor zu. "Wir werden ein paar berühmte arabische Volkslieder singen", erzählt er mir dann. "Am Ende erwartet die Zuschauer auch eine kleine Überraschung." Und schon geht es für den syrischen Friedenschor los auf die Bühne. Es ist Punkt 17.00 Uhr, als die gigantischen Kirchenglocken der Theatinerkirche am Odeonsplatz zu läuten beginnen. Im Publikum wird es still, als Ahmed mit den jungen Männern die Bühne betritt. Deea setzt sich vorne auf einen Stuhl und beginnt, seine Oud zu stimmen, während ein anderer neben ihm auf seiner Trommel den Rhythmus vorgibt.

Die Oud - Perle des Orients

Dann spielt Deea. Ein wunderschöner, orientalischer Klang ertönt, als er beginnt, die Saiten seiner Oud zu zupfen. Das Keyboard setzt ein und der Trommler gibt nun laut und bestimmt den Takt vor, während Deea und der junge Mann am Keyboard zu singen beginnen.Wer sich schon einmal den Klängen arabischer Musik hingegeben hat weiß, dass es signifikante Unterschiede zur typischen Musik hierzulande gibt. Arabische Musik erreicht ihre ausdrucksstarke Wirkung hauptsächlich durch melodische und rhythmische, weniger durch harmonische Mittel. Was für andere zunächst fremd und gewöhnungbedürftig klingen mag, löst bei mir binnen Sekunden pure Gänsehaut aus. Um diese Musik zu fühlen, ist kein Textverständnis notwendig. Die tiefen Emotionen und die Melancholie werden nicht über den Text, sondern über die Rhythmik, die Höhen und Tiefen und den schmerzlichen Gesichtsausdruck übermittelt. Gerade bei orientalischer Musik spielt der Bühnenauftritt eine sehr große Rolle. Durch Mimik, Gestik und Körperhaltung schaffen es die Sänger förmlich, ihre Gefühle auf die Zuschauer zu übertragen. Die exotischen Klänge der Oud untermalen die Stimmung perfekt, die Klänge einer "normalen" Gitarre würden die Stimmung nicht annähernd so überzeugend vermitteln, wie die des morgenländischen Instruments. Dann setzt der gesamte Chor ein: Zunächst leise, melancholisch und mit Zurückhaltung, im Refrain hingegen mit starker und kämpferischer Stimme. Das lied Mawtini - Mein Heimatland ist ein in der arabischen Welt sehr populäres Volkslied. Die Übersetzung dieses Liedes ist so emotional wie der Klang der Stimmen selbst:

"Die Jugend wird nicht ermüden, ihr Ziel ist deine Unabhängigkeit -oder sie werden sterben; wir werden vom Tod trinken, aber wir werden nie Sklave unserer Feinde sein! Wir wollen weder eine ewige Demütigung, noch ein miserables Leben, aber wir weden zu unserem großartigen Ruhm zurückkehren! Meine Heimat, Meine Heimat"

Deea Alrehani spielt Oud auf der Bühne

Deea Alrehani spielt Oud auf der Bühne - Katharina Karl


Das Lied is vorbei und Applaus ertönt. Ein Blick durch das Publikum zeigt mir, dass ich nicht die einzige bin, die das Lied emotional berührt hat. Doch Zeit zum Nachdenken bleibt nicht, denn es ertönt bereits das nächste Lied. Einer der beiden jüngsten Sänger ergreift das Mikrofon und stimmt das Lied Jana Jana an. Wehmut und Schmerz liegt in seiner Stimme, gleichzeitig ist es kaum zu glauben, dass ein Kind von 14 Jahren solch eine kräftige Stimme haben kann. Auch dieser Song handelt von der Heimat, die so sehr vermisst wird. Der Chor stimmt ein und Hand in Hand beginnen sie, sich zur Musik zu bewegen. Das Publikum fängt an zu klatschen, einige tanzen. Plötzlich erklingt eine bekannte Melodie. Ist das etwa die Überraschung, von der Ahmad zu Beginn gesprochen hat? Als der gesamte Chor beginnt, Freude schöner Götterfunken zu singen, stimmt das Publikum begeistert mit ein.

Es ist bereits halb sechs, als der Chor sich verbeugt und die Bühne verlassen will und sich das begeisterte Klatschen des Publikums in den einstimmigen Zuruf "Zugabe!" verwandelt. Der Chor kommt zurück auf die Bühne und Ahmad ergreift das Wort: "Dieses Mal müsst ihr aber alle mitsingen!" Zum Schluss begeben sich die Sänger applaudierend von der Bühne und mischen sich tanzend unter die Zuschauer, während arabische Popmusik ertönt, diesmal nicht melancholisch, sondern laut und fröhlich.

Mittlerweile ist es spät geworden. Während ich mich auf den Heimweg begebe, die Klänge der arabischen Musik gemischt mit den immer noch läutenden Kirchenglocken in meinen Ohren, muss ich lächeln - mir fällt die Textstelle aus dem finalen Lied wieder ein: Alle Menschen werden Brüder. Während ich die Straße stadtauswärts spaziere, ertönt im Hintergrund bereits Musik aus dem Balkan: Ich drehe mich um und sehe von weitem, wie die bulgarische Tanzgruppe die Bühne betritt.






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