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Mission: Schönheit  |  03.01.2018  |  13:00 Uhr

Meine beste Freundin Mia

von Nadine Leiker

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Ich habe eine junge Frau getroffen, die sich einer Mission gestellt hat, vor der jede Frau irgendwann einmal steht – hübsch sein. Doch was ist, wenn der Wunsch nach Schönheit über die eigene Gesundheit gestellt wird? Zoey ist 21 Jahre alt und hat mir ihre Geschichte über den Kampf gegen eine Essstörung erzählt.

"Mit 14 Jahren habe ich angefangen zu kotzen. Systematisch. Ich habe 80 Kilo gewogen und hinter meinem Rücken wurde geredet, was ebenso unter Achtklässlern geredet wird. Ich wollte abnehmen. "Es ist das Mittel, mit dem die Models abnehmen", wurde mir gesagt. Also habe ich es ausprobiert. Erst nur einmal um zu sehen, ob es geht, doch nach einem Familienurlaub habe ich es regelmäßig gemacht. Ich wurde damals mit meiner großen schlanken Schwester verglichen und wollte nicht mehr das kleine Pummelchen sein. Ich wollte abnehmen, um jeden Preis. Zu dieser Zeit bin ich richtig krank geworden, ich habe meinen ganzen Tagesablauf nur aufs Kotzen ausgerichtet.

Hungern, Essen, Kotzen, Wiederholen

Ich dachte wirklich, ich habe Trick 17 gefunden

Ich habe mich bestärkt gefühlt, beinahe mächtig. Ich konnte essen was ich wollte und blieb schlank. Sogar meine Mutter hat meiner Oma am Telefon erzählt, wie viel ich abgenommen habe und was für eine schöne Figur ich bekommen habe. Es war ein unglaubliches Gefühl. Ich dachte wirklich, ich hätte Trick 17 gefunden. Rausgekommen ist es bei einer Klassenfahrt. Kurz nach meinem 15. Geburtstag. Es war mein erster Vollrausch und ich habe es einer Klassenkameradin erzählt. Die hat es meiner Lehrerin gesagt und die natürlich meinen Eltern. Das war die Hölle. Dass meine Eltern es wussten, war wirklich das Schlimmste, was damals passieren konnte. Es gab keinen Schlüssel mehr im Badezimmer und ich wurde immer beobachtet. Das ist bis heute so. Wenn ich nach dem Essen auf die Toilette gehe, kann ich mir sicher sein, dass meine Mutter drei Minuten später die Tür aufmacht, um mich zu kontrollieren. Ich wusste damals noch nicht, dass ich krank bin, aber das Kotzen war schon immer etwas sehr Intimes für mich. Meine Eltern haben mich zu einer Therapie gezwungen, da habe ich immer nur geweint. Ich konnte meinen Eltern nicht mehr in die Augen sehen.
Ich hatte dann keine andere Wahl als mit dem Kotzen aufzuhören, ich wurde ständig beobachtet und hatte einfach keine Möglichkeit mehr dazu. Gesund war ich da nicht, ich habe noch dran gedacht. Besser ging es mir erst, als ich meinen ersten Freund kennengelernt habe. Er gab mir das Gefühl schön zu sein. Außerdem hat er die Krankheit nie verstanden, er denkt bis heute: man isst, wenn man Hunger hat.

Schlimmer wurde es wieder nach dem Abi. Ich bin mit einer Freundin ins Ausland gereist und habe mich von meinem Freund getrennt. Ich wurde immer mit meiner Freundin verglichen, sie ist sehr sportlich und ich war immer die dicke Freundin. Da hat es wieder angefangen, war aber noch nicht so schlimm. Erst als meine Freundin für uns T-Shirts gekauft hat, hat es wieder richtig angefangen. Sie hatte sich eins in Größe S und mir in Größe M gekauft. Das war schrecklich, ich wollte nicht so gesehen werden, ich wollte keine "M" sein. Da wog ich 70 Kilo. Zu diesem Zeitpunkt ist mir bewusst geworden, dass ich Bulimie habe. Aber es war mir egal. Schlank und schön sein war für mich wichtiger als gesund zu sein. Meine Freundin ist irgendwann nach Hause geflogen und ich habe im Ausland meinen zweiten Freund kennengelernt. Er hat mich sehr gemocht, aber mir nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die ich mir gewünscht und auch gebraucht hätte. Ich dachte, dass etwas mit mir nicht stimmt, dass es an mir liegt. Also habe ich noch mehr gekotzt als vorher. Ich habe nichts in mir drin behalten außer Obst. Wir haben uns getrennt und ich bin weitergereist, da wog ich 50 Kilo.

Nur Mia und ich

Nach der Beziehung wusste ich nicht, was ich machen sollte, also bin ich in ein anderes Land gezogen. Ich lebte in einem kleinen Dorf und begann auf einem Bauernhof zu arbeiten. Es gab nie viel zu tun und kaum Leute in meinem Alter. Ich war sehr einsam und das einzige, was mir Halt gab, war die Bulimie, meine beste Freundin Mia. Wir haben uns in dieser Zeit fünf bis sechs Mal am Tag in meinem Badezimmer getroffen. Das ging ein halbes Jahr so. Mir war bewusst, dass ich damit mein Leben aufs Spiel setzte, aber sobald der Gedanke kam, habe ich mich abgelenkt. Ich habe alles Mögliche in mich reingestopft und wieder ausgekotzt. Mein ganzer Tagesablauf hat sich nur auf Mia konzentriert. Auf eine Waage habe ich mich da nicht mehr getraut, aber mein Gewicht bewegte sich stark auf die 40 Kilo zu.

Ich bin da weggezogen um zu studieren. Seitdem geht es mir besser. Ich habe verstanden, dass Mia nicht die Lösung für meine Probleme ist. Sie hat mir Halt gegeben, aber jetzt haben meine anderen Freunde ihren Platz eingenommen. Ich mache keine Therapie um von Mia loszukommen, sie ist zu privat um mit einem Fremden darüber zu sprechen. Ich habe eine Art "Selbsttherapie" entwickelt. Ich gehe viel raus, treffe mich mit Freunden und lerne neue Leute kennen. Solange ich Mia nicht in meinen Alltag lasse, geht es mir gut. Ich werde sie nie ganz aus meinem Leben verbannen können, aber ich kann gesund werden. Die Mission, die Schönste zu sein, ist eine Mission Impossible, das weiß ich jetzt. Aber die Mission gesund zu werden ist möglich und die kann ich schaffen! Heute esse ich normal und wiege 55 Kilo."

Zoey heißt nicht wirklich Zoey und spricht auch nicht auf der Tonaufnahme. Ihre Krankheit ist ein sehr intimes Thema, deshalb hält sie es für besser anonym zu bleiben. Sie hat lange gebraucht, fast sechs Jahre, um zu verstehen was die Bulimie mit ihr macht. Sie hätte an der Ess-Brech-Sucht sterben können, aber jetzt weiß sie, dass der Schlüssel zu Attraktivität nicht in ihrem Aussehen liegt und schon gar nicht in ihrem Gewicht.




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MO – DO 10.00 – 22.00 Uhr
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