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13.12.2015  |  08:00 Uhr

Teil 3: Der Passauer Weihnachtskrimi "Spurlos verschwunden"

von Catharina Klein

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| Catharina Klein

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3. Kapitel: Ein Date ohne Namen

 


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Dötdötdötdöt – erbarmungslos pünktlich beendet der Wecker unsanft meine viel zu kurze Nacht. Ich setze mich auf und reibe mir die müden Augen, um mich herum unverändert das Zettel-Chaos von letzter Nacht. Nach langem Ausprobieren ist mir doch das Kennwort für meinen Facebook-Account wieder eingefallen und ich habe, aufbauend auf den Hinweis einer mutmaßlichen Zeugin, mit letzter Energie versucht, einige Theorien für das Verschwinden von Louisa Pfennig aufzustellen. Die Situation kam mir auf Anhieb äußerst seltsam vor: Die Mitbewohnerin war sichtbar verblüfft und konnte ihre Enttäuschung nicht glaubhaft verbergen, als sie von dem ihr verheimtlichen Date erfuhr.

 

Und irgendwie glaubte ich ihr, dass die Freundinnen sich eigentlich gegenseitig alles erzählen. Da stimmt etwas nicht, und ich überlegte krampfhaft, stellte Thesen auf, die ich wieder verwarf, bis letztendlich doch der sehnliche Wunsch nach ein paar Stündchen Schlaf meinen Arbeitseifer besiegte. Tag zwei der Ermittlung und noch immer keine handfeste Spur – also los, Alfred, die Arbeit macht sich nicht von alleine. Mit einem lauten Seufzen schwinge ich meine Beine über die Bettkante und verschwinde ins Bad.

 

Mit dem letzten Bissens meines spärlichen Frühstücks in den Backen betrete ich das Büro. Wie nicht anders erwartet, sitzt Paula bereits an ihrem Schreibtisch, einen Stift in der einen, dem Telefonhörer in der anderen Hand. Sie scheint endlich die Eltern der Vermissten erreicht zu haben – wie gut, dass sie mir diese schreckliche Aufgabe großzügig abgenommen hat. Das leise Ticken der Wanduhr erinnert mich daran, dass ich für neun Uhr in wenigen Minuten das Gespräch mit Lisa Schuster vereinbart habe, einer Zeugin, die nach jetzigem Wissensstand die Vermisste zuletzt gesehen hat. Noch während ich das Aufnahmegerät aus der obersten Schublade ziehe, betritt eine Studentin das Büro. Mit festem Händedruck stellt sie sich vor und setzt sich auf meine gestische Einladung hin auf den Stuhl mir gegenüber. "Ich kenne Lou aus der Uni, wir haben zusammen einige Kurse", beginnt sie ihre Aussage. "Nicht wirklich gut, eher flüchtig." Während Lisa das Verhältnis zu der Vermissten und ihre gemeinsam verbrachten Vorlesungen schildert, mustere ich sie aufmerksam.

 

Das Mädchen mit dem blonden Bob scheint taff, nur ihre unruhigen Hände lassen eine leichte Verunsicherung, vielleicht sogar einen Hauch von Angst erahnen. Natürlich, jeder, der von dem Fall mitbekommen hat, macht sich Sorgen um die spurlos verschwundene Studentin. Ob Nahestehende, die um das Wohl einer guten Freundin bangen, oder Unbeteiligte, denen die Ungewissheit und die Abstrusität der Situation ein ungutes Gefühl, ja vielleicht Entsetzen bereiten – der unterschwellige Gedanke, dass, was auch immer der Studentin zugestoßen sein mag, einem selbst genauso gut passieren hätte können. Oder womöglich eines Tages selbst passiert? Letzteres werden wir hoffentlich zu vermeiden wissen. "Am Mittwochabend habe ich sie auf dem Weg zu einem Kumpel getroffen", berichtet die Zeugin nun von besagtem Tag des Verschwindens. "Das war etwa kurz vor neun Uhr. Ich habe sie gefragt, was sie vorhat und sie hat mir von einem Date erzählt. Ich habe ihr nur viel Glück gewünscht, so gut kennen wir uns ja dann doch nicht." Sie verstummt. "Wo haben Sie Louisa Pfennig getroffen und in welche Richtung ist sie gegangen?" Ich brauche mehr Details, um ihren womöglich letzten Weg nachvollziehen zu können. "Getroffen habe ich sie beim Theater Café. Ich glaube, sie ist dann weiter in Richtung Innstadt über die Marienbrücke. Sie wollte in eine Bar", erinnert sich die Studentin. "Hat sie häufiger private Treffen, wissen Sie irgendetwas über ihr Liebesleben?", hake ich nach. Jede noch so kleine Information ist in unserer gerade beunruhigend aussichtslosen Situation Gold wert. "Das weiß ich nicht so genau. Aber jedes Mädchen freut sich hier über ein Date. Die Auswahl ist bei dem ungleichen Geschlechterverhältnis sowieso sehr gering. Hier ist jeder auf der Suche, die meisten nur nach einer schnellen Nummer. Das ist ein offenes Geheimnis, Jodel ist täglich voll davon." Jodel? Hat Jana Großmann nicht gestern auch von diesem textlosen Gesang auf baumlosen Höhen gesprochen? Tatsächlich das Alpengeheule meinen sie damit doch wohl kaum, oder? "Vielen Dank, Frau Schuster. Sie haben uns mit Ihrer Aussage sehr weitergeholfen. Ich begleite Sie noch zur Tür", verabschiede ich die Zeugin in wenigen Worten.

 

 

Die Studentinnen haben mich neugierig gemacht: wer oder was ist dieses Jodel? Ich schließe die Türe hinter der Zeugin und setze mich vor den großen Flachbildschirm meines Computers. Paula hat sich wohl doch endlich eine Pause gegönnt, ihr Schreibtisch schräg gegenüber von meinem ist ordentlich aufgeräumt, als wäre sie seit Tagen im Urlaub. Ohne ihre Anwesenheit scheint der Raum noch trister, noch farbloser als er sowieso schon ist. Wenn es nach mir ginge, hätte ich den Wänden schon längst einen neuen Anstrich verliehen und die alten, abgenutzten Tische gegen ein freundlich weißes Mobiliar getauscht. Aber nach mir geht es nun einmal nicht und ich habe schließlich gerade auch andere Sorgen, als mir einen Kopf um die Atmosphäre meines täglichen Arbeitsplatzes zu machen, erinnere ich mich selbst an den Grund für meinen starren Blick auf den flimmernden Bildschirm. Ich blinzele einmal, fixiere wieder das weiße Kästchen unter dem bunten Schriftzug und tippe die fünf mir fragwürdigen Buchstaben in die Suchmaschine meiner Startseite. "Jodel: Der anonyme Campus-Talk" beantwortet Google mir nach nur wenigen Millisekunden meine indirekte Frage. Mit einem Mausklick öffne ich die Homepage und eine maskierte Katze auf schrillem Orange heißt mich herzlich willkommen. Große Erklärungen haben sich die Erfinder gespart, doch Probieren geht über Studieren, heißt es ja so schön und mein Handy ist bereits am Laden: dieses Jodel ist nämlich eine App!


| Catharina Klein

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Gespannt tippe ich auf das kleine Symbol, das Kätzchen und ich haben uns ja bereits kennengelernt, und blicke auf bunte Spalten mit jeweils kurzem Textinhalt. Halb flüsternd lese ich mir die Passagen vor: "Bald ist Weihnachten", na, das ist ja mal nichts Neues. Und darunter "#servicejodel" – was für ein großzügiger Mensch, der uns da seine aktuellen Weisheiten predigt, was auch immer diese Raute zu bedeuten hat. Dieses seltsame Symbol finde ich unter beinahe jeder ähnlich klugen Nachricht. "Wenn man eigentlich lernen wollte und dann doch nur Serien schaut", dann? Hat der aus Versehen zu früh auf "Senden" geklickt oder ist das eine Denkaufgabe? Ich würde ja sagen: dann fehlt es wohl an Disziplin. Der Sinn dieser App erschließt sich mir nicht ganz, es sei denn, nutzloser Zeitvertreib ist neuerdings ein angesehenes Hobby unter sich langweilenden Studenten – denn, auch wenn ich es mir nur ungerne eingestehe, ich fühle mich tatsächlich recht humorvoll unterhalten. Fasziniert scrolle ich weiter nach unten, das Ganze scheint kein Ende zu nehmen. "Kennst du das wunderschöne Gefühl, neben deinem Freund zu liegenund einfach nur wunschlos glücklich zu sein? – Ich auch nicht", kleine Witzbolde werden hier beinahe zu wahren Poeten. Das deprimierte "#foreveralone" darunter lässt mich an die Sätze der Zeugin erinnern, die gerade eben hier ihre Aussage machte: Viele Suchende, wenig Auswahl, große Freude über ein lang ersehntes Date. Passau scheint tatsächlich ein Ort der verzweifelten Singles zu sein. Ich überfliege weitere informative Nachrichten über die abendliche Mahlzeit bis hin zu Nebenbeschäftigungen in langweiligen Vorlesungen, sexuelle Vorlieben und andere intime Tätigkeiten sowie skurrile Beobachtungen in der ausspionierten Nachbarschaft. Wer um alles in der Welt … stimmt, ich scanne mit wachem Blick noch einmal den Bildschirm, um meine überraschende Feststellung nochmals zu überprüfen und begreife nun den Grund für diese übertriebene Ehrlichkeit: kein Text nennt seinen Urheber. Anonymität ist hier also der Schlüssel zur Wahrheit – unerkannt ist niemand schüchtern. Ich glaube meinen Augen kaum – und doch ist dies nur ein weiterer Beweis: Hier wurde sogar ein Date arrangiert. Nur ein Ort und eine Zeit – ein Date ohne Namen. Moment, ein Date...? Ich starre auf den kleinen Bildschirm, die weißen Wörter verschwimmen zu undefinierten, hellen Schatten auf dem bunten Untergrund. Fiktive Bilder entstehen vor meinem inneren Auge und meine Fantasie konstruiert daraus einen erschreckend realen Horror-Filmstreifen. Ist das tatsächlich möglich? Kann das wirklich sein? Ich bin mir bewusst, dass ich keinen einzigen überzeugenden Anhaltspunkt für diese gewagte These habe, dass das alles nur absurdes Gedankenprodukt meines überarbeiteten Kopfes sein mag, eine womöglich komplett irrsinnige Intuition – doch nichtsdestotrotz bin ich mir plötzlich zu einhundert Prozent sicher: die Vermisste wusste selbst nicht, welches Date da auf sie wartete.






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