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06.12.2015  |  08:00 Uhr

Teil 2: Der Passauer Weihnachtskrimi "Spurlos verschwunden"

von Catharina Klein

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| Catharina Klein

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2. Kapitel: Endlich ein Hinweis

 

Ich muss raus, frische Luft schnappen, meine Gedanken sortieren. Es ist kurz nach eins und ich habe noch immer nichts gegessen. "Paula, ich werde kurz Mittagspause machen und im Anschluss die Vorlesungen besuchen, die die Vermisste für den heutigen Tag im Stundenplan stehen hat. Vielleicht taucht sie ja doch plötzlich wieder auf und es ist am Ende gar nichts passiert." Wiklich überzeugt bin ich von dieser zugegebenermaßen recht banalen Idee selbst nicht, doch warum sollte es nicht einmal vorkommen, dass eine Studentin kurzerhand die Stadt verlässt, eine Freundin in der Heimat besucht oder zu der eigenen Familie fährt. Womöglich auch ohne irgendwem Bescheid zu geben. Vielleicht gab es einen Streit, von dem die Mitbewohnerin nichts wusste, vielleicht ein familiäres Problem, vielleicht Heimweh oder Sehnsucht – Gründe jedenfalls gäbe es genügende. Und hey, zwei Tage Pause, wieso nicht? Vorlesungen sind keine Schulstunden mit Attestpflicht für Abwesenheit.

Ich steige die Treppenstufen hinab und biege ab in Richtung ZOB. In diesen Momenten genieße ich in vollen Atemzügen die Vorteile einer überschaulichen Kleinstadt: keine stickigen Busse, keine überfüllten Bahnen, kein Stress durch verspäteten Schienenverkehr – in Passau geht man einfach zu Fuß. Während ich in gemütlichem Tempo die Straße bergabwärts schlendere, krame ich mein Handy aus der Jackentasche. Jana Großmann hat mir am Ende ihrer Vernehmung versprochen, ein aktuelles Foto sowie einen Screenshot vom Stundenplan der Vermissten zuzuschicken, sobald sie zu Hause angekommen ist. Und sie war schnell: eine Nachricht mit Bildanhang leuchtet auf dem Display auf. Mit dem Daumen wische ich von links nach rechts über den kalten Bildschirm und zwei tiefblaue Augen strahlen mich an. Das Bild ist laut Kommentar darunter eine Nahaufnahme von Louisa Pfennig, ein gelungenes Foto wohl aus dem vergangenen Sommer. Ausgezeichnet, dann kann ich sofort mit der Arbeit beginnen, am Busbahnhof ist immer viel los.

 

 


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Ich steuere den Weihnachtsstand vor dem REWE an, der mich mit herzhaftem Bratwurstduft zu locken wusste. Mein Magen knurrt und das Wasser läuft mir schon bei dem Gedanken an die wohlverdiente Stärkung im Mund zusammen. "Eine Bratwurst mit Senf in der Semmel bitte." Der Mann hinter dem Tresen kassiert mein Geld und bei der Gelegenheit frage ich ihn: "Sie sehen hier doch bestimmt täglich viele Menschen, können Sie sich zufällig an diese junge Dame erinnern?" Ich zeige ihm das Portrait auf meinem Handy. Aus Erfahrung und Angst vor Enttäuschung erwarte ich keinen großen Erfolg durch Spontanermittlungen und meine Befürchtung wird mit bedauerlichem Kopfschütteln umgehend bestätigt. "Vielen Dank trotzdem", ich nehme die in weiße Servietten verpackte Semmel und mache mich auf den Weg zur Universität. Vielleicht werde ich hier ja etwas schlauer.


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Auf Erklärung eines Studenten hin finde ich nach anfänglichen Schwierigkeiten bald den gesuchten Hörsaal und setze mich vorerst auf den äußeren Klappstuhl der letzten Reihe. Schlechte Wahl, ein Platz in der Fernrohrfront scheint heiß begehrt, doch immerhin habe ich meine Wochenration an Sport in Form von Kniebeugen nun auch erledigt. Ein älterer Herr mit Krawatte betritt geschäftig den Hörsaal, ich erhebe mich ein letztes Mal von der auf Dauer etwas unbequemen Holzbank und folge dem Mann mit Aktentasche die Treppenstufen hinunter an das Dozentenpult. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass der Professor weder die Namen noch die Gesichter seiner Zuhörer kennt. Und auch zwei Kommilitoninnen in der ersten Reihe, die unserem Gespräch auf der Bühne des Hörsaals trotz gedämpfter Stimmen offensichtlich unschwer folgen konnten, erzählen mir nur, was ich bereits gehört habe: seit zwei Tagen keine Whatsapp-Nachricht. Was würde man heutzutage nur ohne sein Smartphone tun? Kein Kontakt, keine Kommunikation und auch keine Vermisstenanzeigen mehr. Zu meinem eigenen Bedauern kann auch ich den beiden ihre Frage: "Ist denn etwas passiert?" nicht mit ehrlicher Gewissheit beantworten. Ich stehe vor einem Rätsel, einer chiffrierten Schranke der Ratlosigkeit. Nur eines kann ich nun mit Sicherheit sagen: das Mädchen ist nicht einfach nur mal "kurz weg."

 

Nach einigen weiteren erfolglosen Befragungen verlasse ich resigniert das Universitätsgelände. Unter Kontakten finde ich im Handy die Telefonnummer meiner Kollegin, die sich nach nur einmaligen Läuten am anderen Hörer meldet. "Paula, wir müssen die Laufstrecke der Vermissten absuchen. Über Dozenten und Studenten kommen wir nicht weiter." Die Laufstrecke an der Innpromenade über das Wasserkraftwerk auf der anderen Seite des Flusses zurück: ein einsamer Weg mit einer kaum befahrenen Straße durch kurze Waldstücke vorbei an einzelnen nachbarslosen Wohnhäusern. Bei Wind und Nebel zu frühen Stunden ein Running-Jogger-Laufband mit leicht gefundenem Fressen für Verbrecher. "Schon dabei! Ein älterer Herr von einem Bauernhof in Ingling habe die ein oder andere Joggerin gesehen, er kann sich jedoch nur schwer an Gesichter oder Kleidung erinnern." Meine fleißige Kollegin ist mir schon wieder voraus. "Gut, bestell ihn aufs Präsidium, vielleicht erinnert er sich, wenn er ein Foto sieht. Ich habe dir ein aktuelles Bild der Vermissten zugeschickt." "Schon gesehen, er meint, sie wäre nicht dabei gewesen. Mal sehen, ob sich wer anders an das Mädchen erinnert. Ich habe übrigens eine Vermisstenanzeige auf Facebook veröffentlicht, vielleicht bekommen wir da ein paar mehr Informationen. Schau du dich bei ihr in der Umgebung um und befrage Touristen, Passanten, vielleicht Bauarbeiter." Jetzt kommt es schon so weit, dass meine junge, unerfahrene Kollegin mir, einem langjährigen Kommissar mit drei verdienten Sternchen auf dem Dienstabzeichen, doch tatsächlich vorschreibt, was ich zu tun habe? In einem kurzen Moment der Schwäche meldet sich mit erhobenem Finger mein verletzter Stolz, doch ich schiebe ihn sofort zurück in das hinterste Eck meiner unerwünschten Gedanken. Mein persönliches Ehrgefühl hat hier nun wirklich rein gar nichts verloren, hier geht es womöglich um ein Menschenleben. Also antworte ich nur knapp "Alles klar", und mache mich auf den Weg in die Altstadt.

 


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Im Advent gibt sich Passau besondere Mühe, seinen Bewohnern und Touristen gut zu gefallen. Zahllose Lichterketten, leuchtende Sterne und behangene Tannenbäume schmücken weihnachtlich die kleinen Gassen. Grüne Zweige und Kerzenattrappen, wohin das Auge blickt – ein mancher könnte es beinahe kitschig nennen, doch ich habe mich für die schlichte Beschreibung "schön" entschieden. Vorbei an dem neuen Burger-Laden – die sprießen ja plötzlich wie Pilze aus dem Boden – biege ich ab in die nächste Seitengasse. So langsam hat sich die Stadt vom Hochwasser erholt. Die Gebäude sind größtenteils restauriert und die Geschäfte unten sowie die Wohnungen oben wieder bezogen. Ich beginne mit den Restaurants, vielleicht hat eine der Bedienungen Louisa Pfennig am Mittwochabend noch gesehen.

 

Zwei Stunden später und keine Idee weiter stehe ich noch immer vor der Schranke, die sich partout nicht knacken lässt und beschließe kurzerhand, die Mitbewohnerin der Vermissten zu besuchen. Ist es tatsächlich ein letzter Schimmer Hoffnung auf eine unerwartete Wiederkehr, der mir den Weg zu der Wohnung im dritten Stock eines Altbaus weist? Ich denke eher ein unerklärlicher Akt der Verzeiflung. Die Stufen aus altem Holz im Treppenhaus knarzen laut, als ich schwer schnaufend die drei Etagen bezwinge. Mit einem tiefen Atemzug nehme ich die letzte Stufe und kann Jana Großmann zur Begrüßung nur mehr freundlich zunicken, die mir mit einem müden Lächeln ihrerseits die Wohnungstür bereits offenhält. Sie wirkt sichtlich erschöpft, ist jedoch inzwischen geduscht und frisch gekleidet. Ein Handtuch-Turban trönt auf ihrem schmalen Kopf. "Mit Ihnen habe ich heute nicht mehr gerechnet", versucht sie wohl ihr unfertiges Auftreten zu rechtfertigen und weist mir den Weg in die Essküche mit kleinem Tisch und drei ungleichen Stühlen. "Mein Besuch war auch nicht geplant. Ich weiß ehrlich gesagt selbst nicht genau, wieso ich hier bin. Ich hoffe, ich störe Sie wenigstens nicht." "Nein, nein, setzen Sie sich bitte. Ich war nur gerade auf Jodel, um zu schauen, ob Lous Verschwinden schon die Runde gemacht hat. Aber ich hätte es wissen müssen, natürlich. Ich habe gesehen, dass Sie die Anzeige sogar auf Facebook veröffentlicht haben." Stimmt, die Facebook-Veröffentlichung gibt es ja auch noch. Vor einigen Monaten habe ich mich selbst aus reinem Interesse bei dem Netzwerk registriert, fand aber keinen wirklichen Mehrwert hinter dieser Online-Gemeinschaft und habe inzwischen das Passwort von meinem Account auch längst wieder vergessen. Die Stimme des Mädchens reißt mich wieder aus meinen Gedanken: "Oh, entschuldigen Sie bitte, kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?" Ich bin tatsächlich ziemlich durstig, bemerke ich in diesem Moment und nehme ihr Angebot dankend an. "Sagen Sie mal, steht denn da in Facebook schon etwas Interessantes?", frage ich, ohne wirklich an den Erfolg dieser Arbeitsweise zu glauben. "Ich kann mal nachsehen." Jana nimmt einen recht verstaubten Laptop mit dem angebissenen Apfel auf dem Bildschirmdeckel von der Fensterbank und öffnet die Seite mit dem blau hinterlegten kleinen f. Während Jana ihr Passwort eintippt, lehne ich mich zurück und blicke aus dem Fenster. Kleine Schneeflöckchen tanzen zu Boden und tauchen die Welt in harmloses Weiß. Wer um alles in der Welt kann beim Anblick dieser romantischen Winteridylle ein unschuldiges Mädchen entführen? Wer hat so kurz vor Weihnachten derart böse Absichten? "Schauen Sie mal!", ruft Jana meine Aufmerksamkeit wieder zurück in die Gegenwart. "Lisa hat Ihren Beitrag kommentiert" und ihre Freude über einen möglichen Hinweis weicht schlagartig misstrauischer Besorgnis: "Lou wollte am Mittwoch Abend auf ein Date?!"

 

Weiter geht es mit dem dritten Kapitel nächsten Sonntag, am 3. Advent!


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