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Es ist Mittwochabend, kurz vor 12. Ich liege in meinem Bett und treffe die letzten Vorbereitungen. Mein geliehener Wecker ist für den nächsten Morgen gestellt, Familie und Freunde informiert und alle Social Media Kanäle upgedatet. Noch einmal nehme ich mein Smartphone in die Hand, bevor ich es endgültig ausschalte - zum ersten Mal übrigens. Anschließend schließe ich es nicht wie sonst an das Ladekabel, sondern lege es in meinen Nachtschrank. Auch das Browserfenster auf meinem Laptop wird geschlossen und dieser runtergefahren. Nachdem alles verstaut ist, liege ich in meinem Bett und mache das Licht aus. Mein digitaler Entzug kann beginnen.

Dass wir in einer digitalen Welt leben ist nichts Neues. Das Internet und damit zusammenhängend alles Digitale wie Online-Streaming Dienste für Filme, Serien und Musik oder das Guthaben auf dem Studierendenausweis sind Teil des Alltags und überall vertreten. Es ist kaum möglich, dem Digitalen zu entgehen und doch gibt es den Trend des "Digital Detox". Dahinter steckt die Idee, Smartphones, Laptops und andere digitale Dinge aus dem Leben zu verbannen und bewusst durch analoge Alternativen zu ersetzen. Das Leben soll wieder entschleunigt werden. Die Informationsflut, die kaum noch gefiltert werden kann und die ständige Erreichbarkeit sind Aspekte, von denen sich viele Menschen trennen wollen. Zurück in die gute alte Zeit also.
Doch ist das überhaupt noch möglich? Oder ist unsere Welt bereits so sehr digitalisiert, dass ein Verzicht auf Smartphone und Co. einen Ausschluss aus der Gesellschaft bedeutet?

Ich habe den Trend ausprobiert und mich an einen digitalen Entzug gewagt und so viel kann ich vorweg sagen: Ich habe es überlebt.

Donnerstag - Tag 1:
Durch den altmodischen analogen Wecker, den ich mir von einer Freundin geliehen habe, werde ich eher unsanft geweckt. Der schrille Ton erinnert mich an meine frühe Schulzeit und sorgt nicht unbedingt für einen gelungenen Start in den Tag. Aber gut, wach ist wach. Der Wecker hat seine Aufgabe definitiv erfüllt. Mein erster Griff geht heute also nicht zu meinem Smartphone, stattdessen liege ich noch ein paar Minuten im Bett, bis mir zu langweilig wird und ich aufstehe. Sofort schleicht sich Misstrauen ein: Stimmt die Uhrzeit auf dem Wecker wirklich? Oder habe ich vielleicht vergessen, die richtige Zeit einzustellen? Schnell wird meine Armbanduhr gecheckt: Die Zeit stimmt, ich bin nicht zu spät dran und alles ist gut.
Beim Frühstück ist mir so langweilig, dass ich mir die Zeitung aus dem Flur schnappe, die schon seit einigen Tagen ungelesen in der WG liegt. Ich blättere durch Werbung und Reportagen, nebenher trinke ich einen Tee. Mir wird bewusst, wie unglaublich ruhig es ist, also mache ich das Radio an und werde mit den aktuellsten Informationen des Tages berieselt, die ich normalerweise einer App entnehmen würde. Leider ist das Radio fest in der Küche montiert, also beschränkt sich mein Musikkonsum für die nächsten Tage auf die Küche. Bis jetzt fühle ich mich zwar etwas komisch, habe aber noch nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Kein Wunder: Ich bin ja auch erst wenige Stunden offline und unerreichbar.
Nach dem Duschen - ohne Musik macht das nicht halb so viel Spaß - habe ich erstmal nichts zu tun. Eine gute Gelegenheit also das Buch, das schon seit Wochen neben meinem Bett liegt, weiter zu lesen. Netflix als Ablenkung gibt es ja erstmal nicht mehr.
Vor meinem ersten Seminar bin ich mit einem Freund zum Mittagessen verabredet, das haben wir einen Tag früher ausgemacht mit fester Zeit und Treffpunkt. Überraschenderweise klappt das auch einwandfrei. Ungewohnt ist es aber, vor dem Essen kein Bild für Snapchat zu machen wie ich es sonst tue. Warum ich das normalerweise mache? Keine Ahnung, wahrscheinlich will ich meine Freunde mit meinem Essen neidisch machen, irgendwie gehört es einfach dazu.
In der Uni sitze ich dann im Newsroom des Zentrum für Medien und Kommunikation, umringt von Computern und Bildschirmen und fühle mich komplett fehl am Platz. Meine Kommilitonen schauen auf ihre Smartphones oder arbeiten an Filmprojekten, während ich vor mich her starre und auf den Dozenten warte. Einige wissen über meinen Versuch Bescheid und fragen wie es läuft. "Ich könnte das niemals durchhalten..." und "Fühlst du dich nicht einsam?" höre ich sehr oft. Das nächste Mal muss ich mir das Buch mitnehmen oder wenigstens ein Kreuzworträtsel, dann wirke ich nicht komplett verloren.
Dass mein digitaler Entzug in der Uni und in den Seminaren kaum möglich ist, war mir schon vorher klar. Es gibt Folien, die mit dem Beamer für alle sichtbar gemacht werden, Ergebnisse werden am Smartboard gesammelt und wichtige Informationen über Stud.IP und E-Mails verbreitet.
Die freie Zeit zwischen meinen Seminaren verbringe ich mit dem Lesen von Broschüren über das Angebot des Career Center und Auslandsaufenthalte für Jura-Studierende, die ich in der Uni gefunden habe und normalerweise niemals lesen würde. Als Smartphone-Ersatz sind sie kaum geeignet, aber immerhin überbrücke ich damit die Zeit bis zum nächsten Seminar. Ab und an unterhalte ich mich kurz mit Kommilitonen, die meiste Zeit aber sitzen die an ihren Smartphones – genau wie ich normalerweise auch.
Abends schaffe ich es tatsächlich, das Buch zu Ende zu lesen, bevor ich das Licht ausmache und schlafen gehe. Tag eins ist also geschafft und außer dass mir langweilig war, ist nichts Schlimmes vorgefallen. Ich fühle mich weder ausgeschlossen, noch alleine. Mal sehen, ob sich das Gefühl noch ändern wird.

Freitag Tag 2:
Das Klingeln des Weckers ist genauso schlimm wie gestern. Noch schlimmer ist aber, dass wir keine neue Zeitung oder Werbung bekommen haben, die ich beim Frühstücken lesen kann. Was also tun? Einfach nur essen, ohne nebenher etwas zu machen? So wie früher, als ich noch zu Hause gewohnt habe. Da war aber meine Familie dabei und man konnte reden. Leider ist meine WG schon in der Uni oder auf der Arbeit, also sitze ich alleine in der Küche und höre Radio. Wobei: So schlimm ist das Ganze nicht. Sich auf eine Sache zu konzentrieren, ohne nebenher mit den Gedanken woanders zu sein, ist erstaunlicherweise entspannend und längst nicht so einsam wie es klingt.
Um den Morgen zu überbrücken, erledige ich Dinge, die ich sonst vor mir herschieben würde. Mein Zimmer muss geputzt werden und mein Schrank platzt aus allen Nähten. Die Kleidung bringe ich direkt in den nächsten Laden, um sie zu recyceln. Ohne Musik macht das Putzen leider noch weniger Spaß als sonst und selber singen ist auch keine Option. Trotzdem vergeht die Zeit irgendwie, und mittlerweile vertraue ich auch meiner Armbanduhr und habe mich wieder an das Tragen dieser gewöhnt.
Mit einer Freundin habe ich ausgemacht, dass sie gegen drei oder vier zu mir kommt, damit wir uns gemeinsam für die Bootsparty am Abend fertig machen können. Normalerweise wäre ich per WhatsApp noch einmal sicher gegangen, ob der Plan noch steht. So aber vertraue ich darauf, dass sich nichts geändert hat. Und tatsächlich: Um kurz vor vier ist sie da, die Party kann beginnen!
Auf dem Boot selbst bin ich die einzige ohne Smartphone. Zumindest fühlt es sich so an. Es werden Bilder und Videos gemacht, Snaps gepostet und Audio-Nachrichten versendet. Bewusst war mir das schon immer, aber als einzige ohne Smartphone in der Hand fällt es mir noch viel mehr auf.  Normalerweise würde ich meinen Eltern und Freunden von zuhause Bilder und Videos senden, um einen Eindruck der Stimmung und Atmosphäre zu vermitteln. Heute aber genieße ich es, mein Handy nicht ständig in der Hand zu haben, um Teile meines Lieblingssongs an meine beste Freundin zu schicken.

Samstag Tag 3:
Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, nach dem Aufwachen einfach aufzustehen, ohne die Newsfeeds aller Kanäle zu checken. Ich bin also viel schneller in Bad und Küche, um zu frühstücken. Und heute muss ich das auch nicht alleine tun. Meine Freundin Sarah hat nach der Bootsparty bei mir geschlafen, weil sie abends nicht mehr nach Hause kam. Gemeinsam lassen wir den Abend Revue passieren, reden über die Musik und über die Outfits, die wir gesehen haben und mein Smartphone fehlt mir keine Sekunde. Nachdem sie gegangen ist, muss ich mich für die Arbeit fertig machen. Mir graut es schon vor den acht Stunden ohne mein Handy und lustige Nachrichten, die mich aufmuntern oder ablenken. Aber gut, da muss ich durch.
Obwohl nicht viel zu tun ist, vergeht die Zeit sehr schnell. Statt ab und an auf mein Handy zu schauen, rede ich mehr mit meinen Kolleginnen. Wobei, das tun wir ohnehin immer. Die Mittagspause ohne Smartphone vergeht auch, ohne dass mir langweilig wird. Ich schlendere durch die Stadtgalerie, blättere durch Zeitschriften und setze mich mit einem Snack in die Sonne. Dabei beobachte ich die Menschen, die an mir vorbeirauschen und werde bestens unterhalten. Fast jeder schaut beim Gehen auf sein Handy, viele bekommen nichts mit von ihrer Umgebung. Ob das bei mir sonst auch so aussieht? Wahrscheinlich.
Passend zum Feierabend steht eine gute Freundin bei mir im Laden. Kurz bin ich verwirrt, doch dann fällt es mir wieder ein: Wir hatten vor meinem Entzug ausgemacht, Samstagabend etwas trinken zugehen. Mein Vergessen überspiele ich und tue so, als hätte ich mit ihr gerechnet. Gut, dass sie mich abholt. Ich wäre sonst einfach nach Hause gegangen und hätte sie versetzt. Tja so ist das, wenn einem sonst das Smartphone oder eine Nachricht an Termine und bereits ausgemachte Treffen erinnert.
Der Abend ist trotzdem sehr schön, das Wetter ist gut und wir sitzen in Passaus Altstadt und reden. Vor allem auch über meinen Versuch, der am nächsten Tag endet. Mein Smartphone fehlt mir nicht, obwohl ich genau weiß, dass ich es normalerweise neben mir liegen hätte, um ab und an draufzuschauen.

Kurz vorm Schlafengehen lese ich an einem neuen Buch und lasse den Abend entspannt ausklingen. Außerdem nehme ich mir vor, auch nach meiner digitalen Detox-Zeit vor allem abends mehr zu lesen und nicht immer vor meinem Laptop zu hängen. Ob das klappt? Ich bin etwas aufgeregt, was der nächste Tag bringen wird. Habe ich überhaupt neue Nachrichten bekommen? Oder wusste sowieso jeder Bescheid von meinem Versuch? Mit diesen Fragen in meinem Kopf schlafe ich irgendwann ein.

Sonntag Tag 4:
Ein Wecker ist heute nicht gestellt, trotzdem bin ich früh wach und bereit in die digitale Welt zurückzukehren. Ich krame mein Smartphone aus dem Nachttisch und schalte es ein. Den Pin Code habe ich mir vorher aufgeschrieben, gebraucht habe ich den erst einmal, weil mein Handy sonst immer an ist. Gespannt schaue ich auf den Bildschirm und es passiert – nichts. "Das kann ja gar nicht sein", denke ich mir und bin kurz enttäuscht. Einige Minuten später aber geht es los: Immer mehr Neuigkeiten und Nachrichten blinken auf; es scheint als hätte mein Smartphone ein bisschen Zeit gebraucht um all die Informationen zu verarbeiten. 302 WhatsApp-Nachrichten und einige Mails und Facebook-Benachrichtigungen sind es am Ende. Damit habe ich nicht gerechnet.
Die digitale Welt holt mich schneller wieder ein als es mir lieb ist, aber es ist auch schön, die Nachrichten von Freunden und Familie zu lesen, die meinen Versuch vergessen hatten, oder die sich einfach mal so melden wollten. Es dauert fast eine halbe Stunde, bis ich jedem geantwortet und mich offiziell zurückgemeldet habe.

Es fühlt sich gut an, wieder erreichbar und auf dem neuesten Stand der Dinge zu sein. Egal ob Pläne meiner Referatsgruppen, Urlaubsbilder meiner Eltern oder ein Lebenszeichen meiner besten Freundin aus England, ich weiß wieder Bescheid. Und da Sonntag ist, gönne ich mir zum Frühstück im Bett eine oder vielleicht auch zwei Folgen meiner Lieblingsserie auf Netflix.

Mein Smartphone nach dem Einschalten

Mein Smartphone nach dem Einschalten | Lara Geisen

Screenshot Handy - Lara Geisen


Fazit:
Mein digitaler Entzug dauert genau drei Tage. Gefehlt hat mir eigentlich nichts. Klar, ich musste mich erstmal an ein Smartphone- und Laptop-freies Leben gewöhnen, aber etwas Wichtiges verpasst habe ich auf keinen Fall. Das hängt wahrscheinlich vor allem damit zusammen, dass drei Tage ein sehr kurzer Zeitraum sind. Durch den Unialltag muss ich aber wieder in die digitale Welt zurückkehren. Referate wollen vorbereitet und Präsentationen erstellt werden, außerdem steht ein Filmprojekt an. Längerfristig wäre ein Verzicht auf das Internet und einen Laptop meiner Meinung nach also nicht mit dem Unialltag vereinbar. Vor allem dann nicht, wenn der Gedanke konsequent zu Ende gesponnen wird. Den Standort und die Verfügbarkeit eines Buches in einer der vielen Bibliotheken an der Uni erfahre ich primär über das Online-Portal, mein Studierendenausweis ist auch meine Bezahlkarte in der Mensa, bar zahlen kostet mehr. Und für Seminare und Vorlesungen trage ich mich auch online ein. Dabei wäre ein dauerhafter Verzicht auf digitale Medien als Medienstudent eher kontraproduktiv und war auch nicht Ziel dieses Versuches. Ich bin froh, den Trend einmal ausprobiert zu haben, werde in Zukunft aber weiterhin alles Digitale nutzen. Einfach weil es so bequem ist und es alle machen. Wenn sich unsere komplette Gesellschaft wieder digital zurückentwickeln würde, sähe das Ganze anders aus. So ist es aber sehr schwer, seinen Alltag um das Digitale herum zu gestalten. Vor allem weil jeder davon ausgeht, dass man daran teilnimmt. Eine 22-jährige Medienstudentin ohne Smartphone und Laptop ist eine absolute Seltenheit behaupte ich.

Vielleicht wäre ein Mittelweg meine persönliche Alternative. Meinen Fernseher benutze ich sowieso nie und brauche ich wirklich ein Smartphone? Oder genügt ein einfaches Handy, um erreichbar zu sein? Theoretisch reicht mir auch der Internetanschluss zuhause auf meinem Laptop, um informiert zu bleiben und Teil der Gesellschaft zu sein. Trotzdem werde ich mein Smartphone behalten, irgendwie gehört es zu mir. Es speichert wichtige Nachrichten, Bilder und Termine und ist komplett personalisiert. Vielleicht lasse ich es in nächster Zeit einfach mal bewusst zuhause. Vielleicht.






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