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01.07.2017  |  11:00 Uhr

Zu Besuch in der Athanor-Akademie

von Isabella Apelt

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Seit drei Jahren werden in der "Athanor Akademie für Schauspiel und Regie in Theater und Film" im Norden Passaus junge Kreative ausgebildet, doch vielen Studierenden der Uni Passau ist die Schule kein Begriff. Zu Unrecht? Ich habe für euch einen Blick hinter die Kulissen geworfen und durfte dabei in beide Studiengänge hineinschnuppern.

Tag 1 Teil 1 - Führung durch die Akademie

Karte Burghausen

Karte Burghausen | Isabella Apelt

Karte Burghausen - Isabella Apelt


Als ich aus der brütenden Hitze des Montagvormittags in das Foyer der Athanor-Akademie trete, bin ich viel zu erschöpft, um nervös zu sein oder mich über die Lage mitten im Gewerbegebiet zu wundern. Wohltuend ist nicht nur das Raumklima, sondern auch die Herzlichkeit, mit der Frau Werner mich begrüßt. Sie ist Sprechtrainerin an der Akademie, zuständig für die Pressearbeit und genau so, wie ich mir eine Theater-Dame immer vorgestellt habe. Sie verwendet Ausdrücke wie "schick" und "nehmen Sie Platz", während sie mich stolz durch die Gänge der Akademie führt, die 2014 von Burghausen nach Passau umgezogen ist. "Die Burg war schon ganz flott, das muss ich sagen!", kommentiert Frau Werner. Spuren des alten Standorts sind in den neuen Gebäuden überall zu finden, zum Beispiel eine Karte von Burghausen, in der die Akademie nachträglich eingezeichnet wurde. Einige Vorteile hatte der Ortswechsel jedoch: Für Studenten ist in Passau mehr geboten, Münchens Theaterszene ist nur ein paar Zugstunden entfernt und dank großzügiger Förderung konnten die Schulgebühren auf 180 € im Monat gesenkt werden.

Athanor-Akademie Schnittraum

Athanor-Akademie Schnittraum | Isabella Apelt

Athanor-Akademie Schnittraum - Isabella Apelt


Die Wände der Akademie sind voller Plakate vergangener Aufführungen, dazwischen jede Menge moderne Kunst. Das Foyer ist mit Mackintosh-Designermöbeln ausgestattet. Laut Frau Werner: "Fürchterlich unbequem, sieht aber toll aus." Die Klassenzimmer sind mit eigens gezimmerten Bühnen ausgestattet und erinnern eher an Meeting-Räume, jeweils nur ein Tisch mit etwa 10 Stühlen. Im Keller befinden sich die Räume des Fachbereichs Film, wo es abgesehen vom Klassenzimmer eine Tonkabine, Schnitträume und ein kleines Filmstudio mit blauen Wänden und Scheinwerfern gibt.

Tag 1 Teil 2 - Regie-Unterricht "Multimediales Theater"

In besagtem Klassenraum findet auch die Unterrichtsstunde "Multimediales Theater" statt, die an diesem Tag nur von drei Regie-Studenten besucht wird. Einer von ihnen ist im ersten von vier Ausbildungsjahren, die anderen schon weiter in ihrem Studium. Trotzdem sind sich alle bereits sicher, ob sie sich im letzen Jahr auf Film oder Theater spezialisieren werden. Ein paar Minuten zu spät kommt Herr Horváth, der gleichzeitig Lehrer und zuständig für die Administration ist, zur Tür herein. Er beginnt, für seine Schüler noch einmal zusammenzufassen, wie Video im Theater eingesetzt werden kann und wie man es nicht machen sollte. Das klingt nach Langeweile, wird aber tatsächlich sehr fesselnd und vor allem in Interaktion mit den Studenten vermittelt. Da wird über Dorftheater in Eggenfelden gelacht, über Wut (ein Theaterstück, nicht das Gefühl) und die universelle Bedeutung von Romeo und Julia diskutiert. Keiner der drei ist überrascht, als sie gefragt werden, worum es in Hamlet "wirklich" geht - offenbar Pflichtlektüre für Regie-Studenten.

Filmstudio der Athanor-Akademie

Filmstudio der Athanor-Akademie | Isabella Apelt

Filmstudio der Athanor-Akademie - Isabella Apelt


Gegen Ende der Stunde wechseln wir in den Studioraum nebenan. Dort sind inzwischen zwei Beamer, ein MacBook und ein großer Kabelsalat aufgebaut. Letzteres kommt allerdings nur mir so vor, die Studenten finden sich sofort zurecht und fangen an, zielsicher Stecker mit Anschlüssen zu verbinden. Herr Horváth gibt die Aufgabe, mit dem Programm, das auf dem MacBook bereits geöffnet ist, drei Videos an die Wände zu werfen. Auch hier arbeiten die drei routiniert, während ich nur Bahnhof verstehe. Nachdem die Übung (und die Stunde) beendet sind, berät Herr Horváth noch mit einem der Schüler darüber, wie die Technik in dessen Projekt verwendet werden könnte. Mir gegenüber betont der Dozent zudem, dass das Ganze geübt ist und am Anfang lange nicht so reibungslos funktioniert hat. Das kann allerdings nicht verhindern, dass ich mich mit meinem Camcorder plötzlich ein bisschen albern fühle.

Tag 2 - Probe zu Kleists "Der zerbrochene Krug"

Eine Figur der Commedia dell'Arte

Eine Figur der Commedia dell'Arte | Isabella Apelt

Eine Figur der Commedia dell'Arte - Isabella Apelt


Inzwischen weiß ich den Weg zum Sekretariat, das ist jedoch kein großer Trost, als ich kurz vor 16 Uhr etwas ratlos vor der verschlossenen Tür stehe. Anders als an der Uni, wo sich um diese Zeit massenhaft Studenten in den Gängen tummeln würden, herrscht hier Stille. Als ich verunsichert auf mein Handy sehe, höre ich aus der Ferne plötzlich Geschrei und heftiges Türenschlagen. Das Spektakel wiederholt sich in den nächsten Minuten etwa 10 Mal, doch nach dem ersten Schrecken erinnere ich mich daran, dass ich in einer Schauspielschule bin. Manche Dinge sollte man hier wohl einfach nicht hinterfragen. Während ich warte, gehe ich in Gedanken noch einmal durch, was ich mir über Professor Dr. David Esrig angelesen habe - Gründer der Athanor-Akademie, einer der erfolgreichsten rumänischen Theaterregisseure und der Dozent, dessen Probe ich an diesem Tag besuchen soll. Esrig wurde 1935 in Haifa geboren und erhielt 1975 die deutsche Staatsbürgerschaft. Er kann auf viele "legendäre" Inszenierungen zurückblicken, ist unter anderem Ehrenprofessor des Nationaltheaters Bukarest und Ehrenbürger der Stadt. Die Athanor-Akademie rief er 1995 ins Leben, nachdem er zuvor bereits den Verein Athanor e.V. zur Förderung der Kunst des Theaters gegründet hatte. Professor Esrig ist zudem Experte für die Comedia dell'Arte, in der Flur-Dekoration der Akademie finden sich zahlreiche Hinweise darauf.

Prof. Dr. David Esrig

Prof. Dr. David Esrig | Athanor Akademie

Prof. Dr. David Esrig - Athanor Akademie


Nachdem ich so viel über seinen Ruhm in der Theaterwelt gelesen habe, bin ich im ersten Moment enttäuscht, als Professor Esrig dann tatsächlich vor mir steht und mich mit verständnislosem Lächeln ansieht. Der Schulleiter hat weißes Haar, trägt eine Brille mit Klappen und ist irgendwie nicht ganz so beeindruckend wie in meiner Vorstellung. Während ich so knapp wie möglich erkäre, wer ich bin und was ich in der Akademie mache, wird mir klar, dass Frau Werner ihn wohl nicht auf meinen Besuch vorbereitet hat. Im Probenraum wartet dann gleich die nächste Überraschung auf mich. Beim dem Wort "Probe" hatte ich an einen großen Theatersaal mit Bühne gedacht, an kostümierte und vor allem zahlreiche Nachwuchsschauspieler. Daher bin ich leicht verwirrt, als ich mich zusammen mit einem Jungen und einem Mädchen in einem der Meetingraum-Klassenzimmer wiederfinde. Professor Esrig leitet die Probe zusammen mit einem jüngeren Dozenten - Betreuungsverhältnis 1:1, davon kann ich an der Uni nur träumen.

Sobald nach einigem Kramen die richtige Szene gefunden ist, wird mein erster Eindruck eines schon etwas gebrechlichen alten Mannes komplett widerlegt: Professor Esrig ist hellwach, scharfsinnig und schlagfertig. Auf einmal fällt es mir gar nicht mehr schwer, die Theaterlegende in ihm zu sehen. Gemeinsam mit dem Schauspielnachwuchs arbeitet er am Text und bringt die beiden dazu, darüber nachzudenken, was Kleist eigentlich meint mit "Halt zu Gnaden" oder "dem Sünder". Studentin Ronja hat in der Rolle von Frau Brigitte an diesem Tag den meisten Text, ihr Kommilitone und der zweite Dozent übernehmen die anderen Parts. Der Professor lässt Ronja lesen und korrigiert nach fast jedem Satz. Während ich schon nach fünf Minuten völlig genervt wäre, ist ihr keine Frustration anzumerken. Das ist auch Professor Esrig zu verdanken, der seine Kommentare mit einem Augenzwinkern anbringt und uns mehr als einmal zum Lachen bringt. Am Schluss bittet er Ronja, die Szene bis zur nächsten Probe noch einmal zu üben - und ich glaube ihr, als sie es verspricht.

Hier gibt's eine Mini-Proben-Kostprobe:

Fazit

Angesichts modernster Technik, traumhaftem Betreuungsverhältnis und engagierter Dozenten verspüre ich einen Hauch von Neid gegenüber den Studenten der Athanor Akademie. Ich glaube allerdings, dass mir das quirlige Studentenleben der Uni Passau und der Campus im Grünen doch fehlen würden.






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Der Passauer Student verbringt etwa drei Jahre in der Dreiflüssestadt. Den Campus, die zahlreichen Cafés und die Partyszene kennt er nur zu gut. Doch was ist mit den kulturellen Highlights? Wir von geheimtrip zeigen euch die schönsten Ecken eurer Wahlheimat und die Geschichten dahinter. Und das Beste: Alles ist auch mit dem gewöhnlich kleinen Budget eines Studenten zu erleben
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Isabella, Eva, Feli, Carmen

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