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Containern  |  06.06.2017  |  10:00 Uhr

Gegen die Wegwerfgesellschaft: Essen aus dem Müll

von Leoni Wartenberg

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21 Uhr, eine Stunde nach Ladenschluss. Für die Passauer Studentin Lisa ist es Zeit, sich auf den Weg zu einer Discounterfiliale in einem Passauer Stadtteil etwas abseits von der Innenstadt zu machen. Seit bereits drei Jahren beschafft sie sich einen Teil ihrer Lebensmittel aus dem Müll von Supermärkten – sie geht containern. In dieser Woche haben wir sie für euch bei einem ihrer abendlichen Beutezüge begleitet.

In dem Hinterhof des Lebensmittelgeschäfts ist es ruhig. Nur hin und wieder sind vorbeifahrende Autos von der anliegenden Straße zu hören. Leichter Nieselregen fällt auf den Asphalt. Der überdachte Anlieferungsbereich an der Rückwand des Gebäudes ist von grellen Lampen gesäumt, die mehrere Stapel Paletten, herumstehende Plastikkisten und zwei große Container beleuchten. Darin: eine Sammlung von Mülltüten.

Containern erfordert Geduld: Was auf den ersten Blick nach Müll aussieht, birgt häufig noch haltbare Lebensmittel.

Containern erfordert Geduld: Was auf den ersten Blick nach Müll aussieht, birgt häufig noch haltbare Lebensmittel. - Leoni Wartenberg


Wie meistens hat Lisa auch heute Abend das Fahrrad genommen. Sie lehnt es gegen die Wand und steuert auf den ersten Container zu. Dort zieht sie einen der Säcke heraus, um seinen Inhalt zu inspizieren, stellt ihn allerdings schnell beiseite: "Leider nur Plastik." Routiniert öffnet sie noch einige weitere Mülltüten, bis sie schließlich fündig wird. Nacheinander nimmt sie Äpfel, Bananen, Salat, Chicorée, Paprika, Gurken, Tomaten, Zitronen und einen Wirsing aus dem Abfall. Einige davon sind an manchen Stellen verschimmelt, der Großteil hat jedoch kaum sichtbare Mängel. "Für die Mengen hätte ich im Supermarkt ganz schön viel Geld ausgeben müssen", stellt sie fest, während sie jedes ihrer gefundenen Nahrungsmittel noch einmal prüfend betrachtet, bevor sie es in einem ihrer mitgebrachten Jutebeutel verstaut. Doch Lisa geht es nicht in erster Linie um das Geld: "Ich versuche, so wenig wie möglich zu unserer Konsumgesellschaft beizutragen", erklärt sie. "Es ist unglaublich, wie viele Lebensmittel einfach weggeworfen werden, obwohl es so viele bedürftige Menschen gibt, die sich darüber freuen würden."

Tatsächlich landen in Deutschland jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Wert von circa 25 Milliarden Euro im Müll. Dafür verantwortlich sind u.a. Geschäfte, die Ware entsorgen, die aus ästhetischen Gründen nicht mehr für den Verkauf geeignet ist. "Ich habe selbst eine Zeit lang für eine bekannte Supermarktkette gejobbt und weiß, was alles weggeschmissen wird", erklärt Lisa ihre Einstellung. Worüber sie sich besonders ärgert: "Viele Läden sperren ihren Müll weg, damit wir keinen Zugriff darauf haben." Diesbezüglich folgt jede Supermarktkette allgemeinen Vorschriften, die in der Ausführung allerdings je nach Standort und Filialenleitung variieren können. In Passau lassen viele Discounter, beispielsweise Edeka, REWE und Norma, einen Teil der Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) fast erreicht ist, und solcher, die aufgrund von Druckstellen nicht mehr verkauft werden dürfen, regelmäßig von der Tafel abholen. Lebensmittel, deren Haltbarkeit nicht mehr gewährleistet werden kann, weil sie auf den Boden gefallen sind, ihre Kühlkette unterbrochen wurde oder ihr MHD abgelaufen ist, werden weggeschmissen. Die Begründung der Supermärkte: ein erhöhtes Risiko von Lebensmittelvergiftungen und -infektionen. "Solche und andere Gefahren im Sinne des Verbraucherschutzes kann derjenige, der sich aus dem Container bedient, nicht erkennen", erklärt Thomas Bonrath, Pressereferent der REWE Group. "Deswegen sind die Marktverantwortlichen angehalten, die Müllcontainer vor dem Zugriff Dritter zu sichern, um der betrieblichen Verantwortung gerecht zu werden." Für Lisa kein triftiger Grund: "Insbesondere Obst und Gemüse landen offensichtlich doch regelmäßig im Müll." Und außerdem: "Man sollte sich bei dem Prüfen der Haltbarkeit einfach auf seine Sinne verlassen – so, wie die Menschen es schon immer gemacht haben."

Ein Großteil der gefundenen Lebensmittel besteht in der Regel aus Obst und Gemüse.

Ein Großteil der gefundenen Lebensmittel besteht in der Regel aus Obst und Gemüse. - Leoni Wartenberg


Nur einmal wurde Lisa bis jetzt beim Containern erwischt und von vorbeilaufenden Passanten zur Rede gestellt. "Als ich ihnen daraufhin erklärt habe, dass ich Lebensmittel rette, haben sie mich in Ruhe gelassen", erinnert sie sich. "Eigentlich fanden sie es sogar gut", fügt sie grinsend hinzu. Rechtlich gesehen handelt es sich bei dem Containern um eine Grauzone. Theoretisch könnten die sogenannten "Mülltaucher" eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch und Diebstahl erhalten - bei der Polizei Passau ist allerdings keine einzige registriert.

Die noch haltbaren Lebensmittel des ersten Containers sind geplündert und Lisa wendet sich nun dem anderen Abfallbehälter zu. "Zu zweit macht es natürlich mehr Spaß, als alleine", sagt sie und knotet die erste Mülltüte auf. "Manchmal braucht man ganz schön viel Geduld." Doch heute scheint es gut zu laufen: In dem Plastiksack befinden sich mehrere Packungen mit Toast, deren MHD gerade erst abgelaufen ist und ein Päckchen Kaffee mit einem Riss in der Verpackung. "Das liebe ich am Containern – man weiß nie, was man bekommt." In größeren Städten wie München findet Lisa beim Containern manchmal deutlich mehr Lebensmittel, als sie selbst verzehren kann. "Dann verschenke ich den Rest zum Beispiel über die Online-Plattform Foodsharing, wo ich das Essen zur kostenlosen Abholung anbiete."

Bevor sie den Hinterhof wieder verlässt, achtet Lisa darauf, dass alles so aussieht wie vorher – vereinzelt herumliegende Salatblätter und herausgefallene Plastikverpackungen sammelt sie auf, Mülltüten knotet sie wieder zu und wirft sie zurück in die Container. Dann geht es zurück nach Hause, wo sie mit ihren MitbewohnerInnen zum Abendessen verabredet ist: "Mal schauen, was wir aus meinen Funden so zaubern werden." Auch ihre MitbewohnerInnen gehen hin und wieder containern. Allerdings hält Lisa es nicht für möglich, in Passau nur davon zu leben. "Dafür ist einfach nicht genug da." Trotzdem versucht sie, so oft wie möglich den wöchentlichen Einkauf zu einem großen Teil durch das Containern zu ersetzen: "Ich spare Geld, es macht Spaß und ist nachhaltig."






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