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27.06.2017  |  10:00 Uhr

Ein neues Leben für ein altes Kleid

von Sophija Savtchouk

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Riesige Einkaufszentren locken mit glänzenden Schaufenstern an, Bekleidungsgeschäfte versprechen unerhörte Rabatte und Ausverkäufe… Auf der Suche nach dem Modischsten und Günstigsten vergessen wir oft, welche Folgen unser Konsum für die Umwelt hat. Unser Team hat die beiden Passauer Studentinnen Franzi und Sharon beim Stöbern auf dem Flohmarkt begleitet, um Passau außerhalb von Brands und Trends zu entdecken.

Bunte Klamottenberge und staubige Bücherstapel, Geschirr aus der viktorianischen Ära und ausgeklügelte technische Geräte – auf der Innpromenade herrscht traditioneller fröhlicher Flohmarktbetrieb. Trotz Hitze und Mittagszeit ist die Straße in Bewegung, es herrscht ein buntes und chaotisches Treiben. Auf den beiden Seiten der Promenade breiten sich herrlich improvisierte Marktstände aus. Der Passauer Flohmarkt an der Innpromenade ist schon über 40 Jahre alt. Die Innpromenade verwandelt sich in einen Raum zum Einkaufen, Verkaufen und Unterhalten, und das jeden zweiten und vierten Samstag von April bis Oktober.

Die 23-Jährige Franzi begutachtet die Flohmarktschätze mit großer Neugier. Obwohl sie auf dem Flohmarkt Stammkundin ist, erwartet sie immer etwas Neues und Außergewöhnliches hier zu finden. "Bei Flohmärkten denken viele an Schrott und Krust. Das mag auf viele Stände auch zutreffen, wenn man aber genauer hinsieht und einen guten Riecher hat, kann man richtig tolle Unikate finden", meint Franzi. Heute ist die Studentin direkt von der Unibib zum Flohmarkt gekommen, sie trägt eine legere gestreifte Bluse und eine enge dunkelgraue Hose – stillvoll und nicht unbedingt das, woran wir denken, wenn wir an alternative Second-Hand-Kleidung denken. Man hätte nie erkennen können, dass die Sachen Sacond-Hand-Hintergrund haben. Das einzige, das auffällt, ist ihre rot gemusterte Tasche, deren Herkunft aber unbekannt sei. "Meine Lieblingstasche, die ich vor zwei Jahren in einem Second-Hand-Shop gefunden habe, habe ich heute leider nicht mit… Knall pink, sehr auffällig und der perfekte Eyecatcher, wie man immer so schön sagt", reagiert die Studentin auf skeptische Blicke.

Die Marktstände breiten sich auf der Innpromenade aus.

Die Marktstände breiten sich auf der Innpromenade aus. - Sophija Savtchouk


Franzi blickt aufmerksam in die bunte Menge und winkt jemandem mit der Hand. Aus dem Menschenstrom taucht lächelnd ihre Freundin Sharon auf. Die 20-Jährige studiert auch an der Uni Passau, allerdings als Austauschstudentin, deshalb bleibt sie nur für ein Jahr hier. Sie kommt aus China und macht ihren Bachelor an der Beijing Foreign Studies University. Bis jetzt hat sie es noch nicht geschafft, auf dem Passauer Flohmarkt vorbeizuschauen und ist deshalb sehr gespannt auf die neue Sopping-Erfahrung: "In China gibt es auch Flohmärkte, aber sie sind deutlich weniger populär und sehen komplett anders aus. Da kann man zwar Geschirr und Bücher finden, aber kaum Kleidung". Sharon ist ein echter Sopping-Fan, fast jede Woche gebe es Neuanschaffungen für ihre Garderobe. Und das merkt man, die modische H&M-Bluse und die kurze New Yorker-Shorts sprechen für sich.

Sharon schaut sich nachdenklich um – die Flohmarktsatmosphäre ist für sie neu und ungewöhnlich. Ihr Lieblingsort zum Shoppen ist das Internet: "Man kann alles online finden. Das Angebot ist grenzenlos! Im Vergleich zu China ist der Online-Markt in Deutschland sehr schlecht entwickelt. Im Übrigen gibt es hier auch weniger Offline- Einkaufsmöglichkeiten…" In den letzten Jahrzehnten sei Shopping in China ein echter Kult geworden. Sogar ein neuer Feiertag, Shopping-Karneval, besser bekannt als Singles' Day (chinesisch "Guanggun Jie"), sei entstanden. Er findet jedes Jahr am 11.11. statt und wurde ursprünglich als ein Tag für Alleinstehende gefeiert, allmählich ist er aber zum größten Onlineshopping-Tag der Welt geworden. "Alle in China machen mit. Die Vorbereitungen beginnen schon im Voraus, man wählt die Sachen aus, merkt sich alles, um dann keine Rabatte zu verpassen. Die Leute kaufen Tonnen Klamotten, die sie gar nicht brauchen, nur weil es so billig ist. Ich kenne eine Frau, die 20 Hosen auf einmal gekauft hat. Das ist echt verrückt!", schildert Sharon. Diese Geschichte ist sehr beeindruckend, wenn man die Tatsache berücksichtigt, dass man circa 7000 Liter Wasser braucht, um eine einzige Jeans herzustellen. Wenn man dann noch die Färbemittel und Chemikalien, den Ressourcenverbrauch und die Abgasemissionen während der Produktion, den Transport und den Gebrauch zurechnet, sieht das Problem noch viel drängender aus.

Mittlerweile haben Franzi und Sharon schon etwas wirklich Interessantes gefunden. Ein traditionelles Dirndl versteckt sich zwischen einem grauen Pelzmantel und einem hellblau-roten Jeansanzug. Nachdem Sharon es zum Vorschein gebracht hat, entscheiden sich die Mädels einstimmig dafür. "Das ist etwas echt Exotisches… Und die erste gebrauchte Sache in meiner Garderobe", gibt Sharon zu: "In China hält man Kleidung für etwas sehr Persönliches, was man nicht verschenken oder übergeben darf. Außerdem gibt es bestimmte Werte, die mit Konsum verbunden sind, Kleidung steht für sozialen Status. In dem Sinne will man nicht sein Gesicht verlieren. Das sind alles nur Vorurteile, aber sie stecken sehr tief in der Kultur und im Bewusstsein".

Sharon probiert das Dirndl an.

Sharon probiert das Dirndl an. - Sophija Savtchouk


Es wäre ein großer Fehler zu denken, dass der Konsum nur in China solch riesengroße Ausmaße angenommen hätte. Nach Angaben einer Greenpeace-Studie von 2017 kauft jeder Deutsche jährlich durchschnittlich 60 Kleidungsstücke (circa 10 Kilo) und trägt sie nur halb so lang wie noch vor 15 Jahren. Rund 1,3 Millionen Tonnen Kleidung pro Jahr würden entsorgt und nur ein Achtel davon werde weitergenutzt. Ein 5-Euro-T-Shirt im Ausverkauf zu kaufen, zweimal anzuhaben und dann zu dem Schluss zu kommen, dass es nicht mehr so schön ist – so etwas Ähnliches ist jedem schonmal passiert. Was sollte man stattdessen mit den ausgedienten Sachen machen?

"Bestimmt nicht wegschmeißen!", schaltet sich Klaudia in die Diskussion ein, deren Keramik Franzis Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. "Man hat immer so viele Sachen und man weiß nicht, wohin damit… Bevor man es wegschmeißt, kann man es verkaufen und das ist außerdem total lustig! Sehr viel Geld kann man dadurch natürlich nicht verdienen, aber es kommt doch schon ein bisschen was zusammen", erklärt Klaudia. Franzi fügt hinzu: "Ich habe keine Verkaufserfahrung… Meistens frage ich erstmal meine Freunde, ob etwas dabei ist, was ihnen gefällt. Den Rest gebe ich dann in Second-Hand-Shops ab… Was sich unter meinen Freunden auch immer mehr durchsetzt ist, sind Kleidertausch-Parties, wo jeder das mitbringt, was er oder sie nicht mehr braucht, zu klein ist, nicht mehr gefällt oder wie auch immer. Eine super Sache finde ich!"

Franzi und Klaudia feilschen.

Franzi und Klaudia feilschen. - Sophija Savtchouk


Eine weitere Möglichkeit, alter Kleidung ein zweites Leben zu schenken, wären Altkleidercontainer, die unter anderem das Bayrische Rote Kreuz organisiert. Die gespendeten Textilien, Kleidung und Schuhe werden dann Bedürftigen geschenkt. "Und für Online-Sopping-Fans ist Kleiderkreisel perfekt!", Franzi blinzelt Sharon zu. "Man muss sich nur auf der Internetplattform anmelden, das Kleidungstück in den Katalog einstellen und an einen neuen Besitzer versenden – so leicht funktioniert es. Oder umgekehrt – dein Traumkleid zu einem günstigen Preis im Katalog finden und ein Schnäppchen machen", macht sie zum Schluss eine unaufdringliche Werbung.

Die zwei Mädels gehen an den ganz unterschiedlichen Marktständen vorbei. Die ordentlichen Reihen von Schuhen, die gerade auf dem Boden stehen, sind merklich dünner geworden. Kleine Porzellanfiguren scharen sich auf den aufklappbaren Tischen hier und dort. Blusen, Röcke und Hosen hängen einsam auf Wäschetrocknern. Ringsherum ertönen letzte Handelsgespräche und leises Laubrascheln – typischer Samstagslärm auf der Innpromenade. Es ist schon kurz vor sechs Uhr Abends, die wichtigsten Einkäufe sind schon gemacht und hoffentlich haben alle alten Kleider neue Besitzer gefunden. Was man mit alter Kleidung macht und ob man sich auch weiter für den Massenmarkt entscheidet, ist jedem selbst überlassen. Wichtig ist, den Raum für eine individuelle Entscheidung in Zeiten von Konsummacht zu finden und sich sicher darin zu sein, dass sie nicht von Modetrends, sozialem Gefüge oder Mainstream aufgezwungen ist.






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