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13.06.2017  |  13:00 Uhr

Steinzeit, Bronzezeit, - Plastikzeit?

von Lena Würmseher

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Wir produzieren mehr als ein halbes Kilo Plastik am Tag. Das macht 200 Kilogramm im Jahr, allein Plastikmüll. Sondermüll, Restmüll, Biomüll und Papiermüll kommen noch dazu. Aber was passiert eigentlich mit unserem Müll, wenn er von der Müllabfuhr abgeholt wird? Wird einfach alles verbrannt, oder alles recycelt? Und kann man ohne Plastik überhaupt leben?

Ich gehe in den Supermarkt und kaufe: eine Gurke, Tomaten, Margarine, Chips, Kaffeebohnen, Orangensaft und eine Flasche Wasser. In meinem Einkaufswagen habe ich aber viel mehr als nur das. Mein ständiger Begleiter heißt Polyethylen. Mit jedem einzelnen Produkt kaufe ich ein Stück Plastik: Verpackung, Tetrapack, Plastikflasche. Klar, wie sonst sollte ich einen Liter Wasser, ein Stück Fett oder ein Kilo Kaffeebohnen nach Hause transportieren? Zuhause esse und trinke ich alles leer und werfe danach die Packung in den Restmüll. Ich werfe Essensreste, verklebte Kaffeefilter, Plastikverpackungen, kaputte Kugelschreiber, Socken mit Löchern und leere Dosen in meinen Restmüll. Gottseidank wird mein Müll abgeholt, ich würde sonst vermutlich darin untergehen.

Laut dem statistischen Bundesamt Destatis fallen so im Jahr mehr als 600 Kilogramm Abfälle aller Art pro Kopf in Deutschland an. Ein Drittel davon ist reiner Plastikmüll. In Passau stehen uns zur Entsorgung der Abfälle drei verschiedenfarbige Mülltonnen zur Verfügung. In die braune Tonne kommen rein organische Abfälle. Kartoffelschalen, Avocadokerne, Kaffeesatz. Die blaue Tonne ist für Papier und Kartons, also Altpapier. In der schwarzen Tonne wird wortwörtlich der ganze "Rest" des Hausmülls gesammelt: Restmüll. Vieles davon ist Plastik, hauptsächlich Verpackungen. Einen gelben Sack gibt es in Passau nicht. Warum ist das so? Ist das nicht schlecht, wenn alles zusammen in eine Tonne kommt? Wird das dann hinterher getrennt und recycelt? Oder gleich alles verbrannt?

In Passau kümmert sich der Zweckverband Abfallwirtschaft Donau-Wald, kurz ZAW, um alle Abfälle in vier Landkreisen, darunter das Stadt- und Landgebiet Passau. Karin Gegg, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit beim ZAW, war bereit, mir einige Fragen zum Thema persönlich zu beantworten.


- Foto: Lena Würmseher




Hallo Frau Gegg, wieso hat Passau eigentlich keinen gelben Sack?

Weil bei uns die Verpackungsabfälle sortenrein gesammelt werden. Dazu gehören auch alle Kunststoffabfälle. Das ist Voraussetzung für eine hochwertige stoffliche Wiederverwertung. Das Problem bei den gelben Säcken ist, dass oft bis zu 50% Restmüll enthalten ist und die Ware damit nur zu einem geringen Umfang recyclingfähig ist. Die Verpackungen im gelben Sack sind in der Regel auch sehr stark verschmutzt, was ein Recycling stark behindert. Wir haben uns von Anfang an für die sortenreine Sammlung entschieden um damit ein hochwertiges Recycling dieser Abfälle auch gewährleisten zu können.

Restmüllabfall ist alles andere als sortenrein. Sie meinen damit die Recyclinghöfe in Passau?

Genau. Die Stadt München hat übrigens aus dem gleichen Grund keinen gelben Sack. Es gibt Recyclingstellen mit verschiedenen Behältern, die mit speziellen Einwurf-Öffnungen ausgestattet sind, die so klein sind, dass kein Hausmüll reinpasst, zum Beispiel für Becher oder Tetrapaks. Das sind eben ausgefeilte Systeme, dass dort wirklich nur echter Kunststoff getrennt wird, was klare Voraussetzung dafür ist, dass die Abfälle hinterher auch sauber recycelt werden können.

Viele von uns wohnen in der Innenstadt, haben nur schwer Zugang zu Recyclinghöfen. Wir haben die schwarze Restmülltonne, da kommt jede Art von Plastik rein, also Tetrapaks, Verpackungen und so weiter. Werden Kunststoffe daraus sortiert und dann recycelt?

Restmüll wird nicht recycelt. Restmüll ist Restmüll und der geht nach München in die Müllverbrennungsanlage.

Komplett, also 100%?

Ja. Restmüll wird nirgends in Deutschland noch einmal sortiert. Der geht in die Restmüllentsorgungsanlagen. Das ist in den allermeisten Fällen in Deutschland eine Müllverbrennungsanlage. Bei uns ist diese in München, ZAW hat einen Vertrag mit der Stadt München, was die Restmüllentsorgung anbelangt und unser kompletter Restmüll landet dort. Alles, was Sie in die graue Restmülltonne geben wird dort verbrannt. Die Anlage in München erzeugt im Rahmen der Müllverbrennung Strom und Fernwärme, es findet also eine energetische Verwertung der Abfälle statt.

Das einzige, was wir als Verbraucher also tun können ist: Plastikmüll in Recyclinghöfen sauber zu trennen?

Ja. Trennen ist das A und O. Ohne sauberes Trennen kann keine sinnvolle Abfallwirtschaft im Sinne hoher Recyclingquoten funktionieren. Anderes Beispiel: Wenn Sie keine Lust haben, ihr altes Handy separat zu entsorgen und das passt so gut in die Restmülltonne rein, dann ist es in der Verbrennungsanlage und das Recycling dadurch beendet.

Welche Auswirkungen hat eine solche Verbrennung? Wie schlimm sind die Dämpfe und Gase, die dadurch entstehen?

Die Müllverbrennungsanlage ist eine High-Tech-Anlage. Alle Anlagen in Deutschland haben qualitativ sehr hochwertige Rauchgasreinigungsanlagen. Schadstoffe, die dort in die Luft abgegeben werden sind ganz klar reglementiert und es gibt Vorschriften, wie viel eine Müllverbrennungsanlage emittieren darf. Die Vorschriften sind sehr streng und werden auch eingehalten. Das Problem ist eher, dass die Rohstoffe vernichtet werden, in dem Moment, wenn Ware verbrannt wird.

Für Sie als Mitarbeiterin in der Abfallindustrie: Wäre es nicht am besten, wenn wir alle zusammen weniger Müll oder keinen Müll mehr produzieren würden?

Ja auf jeden Fall. Da kann ich Ihnen nur Recht geben! Das Allerwichtigste von Allem: Bevor Sie sich mit der Trennung von Abfällen beschäftigen und sich viel Mühe machen: versuchen Sie unbedingt, Abfall zu vermeiden, das macht noch viel weniger Mühe! Sie müssen nichts trennen und sparen Zeit und Geld. Kaufen Sie keine überflüssigen Sachen und achten Sie darauf, langlebige Produkte zu kaufen. Das betonen wir auch immer wieder: Am Anfang der Kette steht die Abfallvermeidung!

Können Sie mir einen Tipp nennen, wie man effektiv im Alltag Müll vermeiden kann?

Kein Coffee-to-go im Einwegbecher, sondern Coffee-to-go im Mehrwegbecher! Mehrwegsysteme sind das A und O. In den letzten Jahren haben die Müllmengen durch To-Go-Verpackungen für Essen und Trinken immer mehr zugenommen. Das ist ein großes Ärgernis, wenn man bedenkt, dass diese Mengen absolut vermeidbar sind. Jeder Einzelne von uns hat es in der Hand, sich bewusst zu entscheiden, ob man dazu beitragen will oder nicht und es als Beitrag zu sehen, dass diese überflüssigen Verpackungen nicht mehr produziert werden. Das ist ganz einfach, das kann jeder.


- Foto: Lena Würmseher




Es gibt Menschen, die sich ganz der Müllvermeidung verschrieben haben. Sie leben ganz im Sinne von "Zero Waste". Dabei ist es nicht nur ein temporärer Trend! Viele richten ihr ganzes Leben danach aus, kein einziges Stück Müll zu produzieren. Lediglich Bioabfälle dürfen anfallen, denn die können ja dann kompostiert werden. Nachhaltiger geht's in Sachen Müll wohl kaum. Die Bloggerin Lauren Singer schreibt auf ihrem Blog "Trash is for tossers" (Link: http://www.trashisfortossers.com/) zum Beispiel über ihr Leben in New York, ohne dabei einen Mülleimer zu besitzen. Für Notfälle hält sie ein leeres Marmeladenglas bereit, um kleine Abfälle aufzubewahren. Dieses Glas war allerdings erst nach ganzen zwei Jahren gefüllt. Das ist die Zeit, in der jede*r von uns durchschnittlich 400 Kilogramm Müll verursacht. Um das zu erreichen, musste Lauren in ihrem Leben viel umstellen. Einkaufen auf dem Markt, selbstgemachte Kosmetik und Einkäufe in sogenannten "Unverpackt"-Läden. Dort bekommt man alle Grundnahrungsmittel, Kosmetika und auch Gebrauchsgegenstände ganz ohne Verpackung und kann sie in eigens mitgebrachte Container füllen und nach Hause transportieren.


- Foto: Lauren Singer




Bis vor kurzem gab es in Passau einen Unverpackt-Laden in der Theresienstraße. Dort wird jetzt Kleidung verkauft. Allerdings darf man gespannt sein: In der Höllgasse, die wahrscheinlich bunteste Gasse der Ortsspitze, öffnet bald ein neuer Laden, der unverpackte Nahrungsmittel anbieten soll. (Dazu werden wir auf jeden Fall noch berichten und euch auf dem Laufenden halten.)

Der Weg zum "Zero-Waste"-Lebensstil ist lang. Und Supermärkte, die unsere Lieblingsprodukte verkaufen, machen es uns schwer, kein Plastik zu produzieren. Doch jedes Plastikteil, das nicht gekauft wird, kann auch nichts verschmutzen. Jeder Coffee-To-Go-Becher (in Deutschland werden übrigens jährlich 2,8 Milliarden davon wenige Minuten lang gebraucht und dann in die Tonne geworfen), der nicht benutzt wird, spart Ressourcen und trägt damit zu einer nachhaltigeren Wirtschaft und weniger Gift in unserer Atmosphäre bei.

Am Anfang der Kette steht die Vermeidung! Vor allem sollten wir als Verbraucher verstehen, dass jede*r Einzelne Teil des Problems ist und jede*r von uns gleich morgen schon anfangen kann. Trotz Müllverbrennungs-High-Tech-Anlagen, trotz Schadstoff-Luft-Filter oder Fernwärme. Plastik ist ein unerforschter Rohstoff, der unserer Natur schadet. Wir sollten uns nicht nur auf das Verbrennen verlassen und gedankenlos weiterkonsumieren.

Bis dahin gilt es auf eine saubere Trennung zu achten und unsere Kunststoffe auf Recyclinghöfen sortenrein in die dafür vorgesehenen Container zu werfen. Nur so kann Recycling funktionieren und und nur so können wir Ressourcen schonen und unsere Luft nicht noch weiter belasten.

Recyclinghöfe in Passau:

  • Recyclinghof Auerbach, Regensburger Str. 68A, 94036 Passau - Öffnungszeiten: Di, Mi, Sa: 9-12 Uhr, Fr: 9-12 Uhr, Mo, Do, So: geschlossen
  • Recyclinghof Grubweg, Georg-Philipp-Wörlen-Straße 6, 94034 Passau - Öffnungszeiten: Mo, Di, Mi: 13-16 Uhr, Fr: 9-16 Uhr, Sa: 9-12 Uhr, Do, So: geschlossen






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