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16.12.2016  |  10:00 Uhr

Gefangen in der Dauerschleife

von Julian Weinberger, Florian Neumaier

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Manchmal finde ich mich an Samstagnachmittagen vor der Plattensammlung meines Vaters wieder. Besonders jetzt, wo frostige Temperaturen zum ausgiebigen Relaxen animieren und es schon nachmittags stockfinster ist. Dann mache ich mir einen warmen Kakao, hülle mich in eine Decke und tauche ab in mehrere Jahrzehnte Musikgeschichte.

Zurück in die Vergangenheit.

Zurück in die Vergangenheit. | Foto: J. Weinberger

Zurück in die Vergangenheit. - Foto: J. Weinberger


Den ersten Halt auf meiner Reise mache ich in den Fünfziger und Sechziger Jahren. Eine Zeit, geprägt von Rock'n´Roll-Idolen, allen voran von Elvis Presley und Chuck Berry. Selbst absolute Tanzmuffel fühlten sich von den mitreißenden Songs in den Bann gezogen und auch mich hält es kaum noch in meinem Sessel. "Das muss eine aufregende Zeit gewesen sein", murmele ich in mich hinein.

Ich blättere weiter durch die Vinyl-Sammlung und stoße auf die legendären Rockbands der Siebziger. Led Zeppelin, Pink Floyd oder die Rolling Stones – die Entscheidung fällt mir schwer. Schließlich lege ich "Highway to hell" von AC/DC auf und ertappe mich dabei, wie ich den Song auf meiner Luftgitarre begleite.

Mien Held.

Mien Held. | Foto: J. Weinberger

Mien Held. - Foto: J. Weinberger


Danach stürze ich mich Hals über Kopf in das, in meinen Augen, beste Album aller Zeiten - "Thriller" von Michael Jackson, dem "King of Pop". Ich lasse mich wieder aufs Neue überraschen, die unheimlichen Gestalten aus dem "Thriller"-Musikvideo stehen auf einmal vor mir und ich stelle mir vor, wie es wohl gewesen sein muss, den Moonwalk live zu erleben.

Plötzlich werde ich jäh aus meinen Träumereien gerissen und zurück ins Hier und Jetzt geholt. Meine Mutter ist nach Hause gekommen und hat das Radio eingeschaltet. Es läuft "7 Years" von Lukas Graham und das zum gefühlt hunderttausendsten Mal. Als der Moderator anschließend Justin Biebers "Sorry" ankündigt, kann ich nicht anders, als das Radio wieder verstummen zu lassen. "Ich kann es nicht mehr hören", sage ich entschuldigend zu meiner Mutter.

Gerade erwacht aus meiner Begegnung mit den Granden der Musikgeschichte frage ich mich, was wohl meine Generation musikalisch prägt. Auch nach längerem Überlegen fällt mir keine konkrete Band oder ein Musikstil ein, der in 20 Jahren stellvertretend für das aktuelle Jahrzehnt genannt werden könnte. Vielmehr ärgere ich mich über den Radiomainstream. Dieser immer gleiche Einheitsbrei, der stets neu aufgewärmt wird, aber mit jedem Mal mehr an Geschmack verliert. Befeuert durch die Marketingstrategien der großen Plattenfirmen und die gewinnfokussierten Methoden der privaten Radiosender, wird dem Radiohörer immerzu das Gleiche vorgesetzt. Wir befinden uns in einer Filterblase und es stellt uns vor eine Herkulesaufgabe, diese zum Zerplatzen zu bringen.

Genervt vom Radiomainstream.

Genervt vom Radiomainstream. | Foto: J. Weinberger

Genervt vom Radiomainstream. - Foto: J. Weinberger


Doch es sind nicht nur Künstler wie Justin Bieber, die mit dem immer Gleichen einen Riesenerfolg haben. Auch in der deutschsprachigen Popmusik stoße ich während meiner musikalischen Identitätssuche auf dieses Phänomen. Es sind vor allem Möchtegern-Poeten wie Mark Forster, die mich mit Zeilen wie "Flash mich nochmal, als wär‘s das erste Mal" stets aufs Neue auf die Palme bringen. Oder der Überraschungshit "Holz" von den 257ers, die es tatsächlich geschafft haben, mit einem Blödel-Song die Charts zu erobern. Da drängt sich mir die Frage auf, ob bei diesem, in kaum voneinander zu unterscheidenden Ohrwurmmelodien eingebettetem Mainstream-Effekt, die Bedeutung des Textes überhaupt noch eine Rolle spielt.

Im scharfen Gegensatz dazu stehen junge, aufstrebende Indie-Bands oder lokale Musikgruppen, wie die oberbayerische Formation VAIT. Sie besinnen sich zurück auf handgemachte Musik mit tiefsinnigen Texten und trauen sich, in neue musikalische Gefilde vorzudringen. Doch unbekannte Bands haben es schwer. Denn ohne Vitamin B und eine gehörige Prise Glück ist die Chance, im Radio gehört zu werden, verschwindend gering.

Kurz vorm Exil.

Kurz vorm Exil. | Foto: J. Weinberger

Kurz vorm Exil. - Foto: J. Weinberger


Ein wenig resigniert ziehe ich mich wieder in meine Gedanken zurück und stelle mir vor, wie mein Sohn in zwanzig Jahren vor den Überresten meiner CD Sammlung sitzt. Da wird mir plötzlich Angst und Bang und ich nehme mir vor, mich zukünftig noch mehr auf die Suche nach den Perlen der zeitgenössischen Musik zu machen. Gleichzeitig verstecke ich CD-Sampler aus meiner Jugend voll mit Katy Perry, Rihanna und David Guetta ganz weit hinten unter meinem Bett. Denn die soll mein zukünftiger Sohn keinesfalls zu Gesicht bekommen.






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