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10.01.2016  |  09:00 Uhr

Sprachwitz und Sexismus dekadent verpackt

"Das Bildnis des Dorian Gray" von Oscar Wilde im Lesetest

von Julia Gabauer

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Bücherlesen ist meistens so einfach wie das kleine Einmaleins. Eine erfahrene Leseratte weiß normalerweise, was ihr gefällt und sucht ihren Lesestoff danach aus. In letzter Zeit habe ich aber bemerkt, dass ich dabei ziemlich bequem geworden bin. Deswegen habe ich mir diesmal etwas ganz anderes ausgesucht: "Das Bildnis des Dorian Gray", den einzigen Roman des irischen Schriftstellers Oscar Wilde, erstmals erschienen im Jahr 1891.

Inhalt: Dorian Gray ist eine der berühmtesten Figuren der Weltliteratur: Er ist wunderschön, unverdorben und naiv. Der Maler Basil Hallward macht ihn zu seiner Muse und stellt Dorian dem geistreichen Zyniker Lord Henry Wotton vor. Verführt durch dessen Weltanschauung stürzt Dorian sich haltlos ins viktorianische Londoner Nachtleben. Ausschweifungen und Genuss wecken in ihm den innigen Wunsch nach unvergänglicher Jugend - und fortan altert nicht mehr er selbst, sondern ein Porträt von ihm. Doch Dorians unbedachter Pakt mit dunklen Mächten hat grausame Folgen.

Kritik: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich das Buch freiwillig fertig gelesen hätte. Trotzdem war ich am Ende froh, mich durchgekämpft zu haben, bin mir aber immer noch nicht sicher, ob ich es wirklich mag. Das passiert mir quasi nie und ist damit schon etwas Besonderes. Deswegen habe ich mich diesmal auch für eine andere Art der Kritik entschieden.


| Julia Gabauer

- Julia Gabauer


Pro (Komm, lies das Buch, tu es!)

1. Skandal: Oscar Wilde rechnet in seinem Buch mit der prüden englischen Oberschicht des 19. Jahrhunderts ab. Er zeichnet ein oberflächliches, ich-bezogenes und materialistisches Bild von verwöhnten Sesselpupsern, die sich nicht mal den Mantel ohne Diener anziehen können. Die Betroffenen fanden das damals natürlich weniger prickelnd. Darüber hinaus sind die Beziehungen zwischen den Figuren homoerotisch angehaucht. Der Roman war ein Skandal und Gegenstand eines Unzuchtprozesses gegen den homosexuellen Wilde, der ihm zwei Jahre Zuchthaus und letztendlich den Tod einbrachte. Ein guter Grund, herausfinden zu wollen, was die hohen Tiere damals so empört hat.

2. Aktualität: Wer denkt, die Themen des Romans sind veraltet, der hat sich geschnitten. Man denke nur an zahlreiche ehemalige Disney-Stars, die der Ruhm in den Drogenmissbrauch getrieben hat, oder Schönheits-OP-Süchtige, die eher wie Zombies als wie Menschen aussehen. Seit 2000 gibt es sogar eine psychische Störung namens Dorian-Gray-Syndrom, bei der die Erkrankten mit dem eigenen Altern nicht klarkommen. Alles Beweise dafür, dass die Handlung heute aktueller ist denn je.

3. Sprachwitz: Oscar Wilde ist bekannt für seine geistreichen Aussprüche und Bonmots. Davon finden sich auch jede Menge in diesem Buch, die man sich ohne weiteres einrahmen und aufhängen könnte. Macht Spaß zu lesen und ist perfekt für den nächsten Small Talk, bei dem man wortgewandt wirken will.


| Julia Gabauer

- Julia Gabauer


Contra (Andererseits... Das hat wirklich genervt.)

1. Abneigung: Die Charaktere sind alles andere als sympathisch. Lord Wotton ist absolut skrupellos und betrachtet Dorian als sein Versuchskaninchen, das er nach Lust und Laune steuern kann. Dieser wiederum lässt das mit sich machen und man möchte ihm die ganze Zeit zurufen: "Benutz doch bitte mal dein eigenes Gehirn!" Am nettesten ist noch der Maler Basil, der die Abwärtsspirale von Dorian allerdings auch nicht aufhalten kann. Natürlich können nicht alle Figuren lieb und fröhlich sein, aber ich möchte mich doch halbwegs mit ihnen identifizieren können, um nicht die Lust am Buch zu verlieren.

2. Sexismus: Ja, das Buch spielt in einem ganz anderen Zeitalter. Ja, damals gab es klar ein anderes Frauenbild. Trotzdem muss man als moderne Vertreterin des weiblichen Geschlechts beim Lesen oftmals ganz schön schlucken. Lord Wotton ist nicht nur manipulativ, sondern auch absolut frauenfeindlich. Beispiele gefällig? "Frauen schätzen Grausamkeit, schonungslose Grausamkeit, mehr als alles andere. Sie haben erstaunlich primitive Instinkte. Wir haben sie emanzipiert, aber sie bleiben trotz allem Sklavinnen, die ihren Herren suchen. Sie lieben es, beherrscht zu werden." Öhm ja. Äußerst unversklavt sage ich hiermit: Das ist nicht cool!

3. Langatmigkeit: Schachtelsätze lassen grüßen! Die Sprache dieser Zeit ist einfach eine ganz andere. Damit gehen manche Monologe auch über viele, viele Absätze und man fragt sich, wie jemand wirklich jemals so eine Unterhaltung führen konnte. Es dauert, bis man damit warm wird. Obwohl Oscar Wilde Dinge wunderschön bildlich beschreiben kann, übertreibt er es oft. Zum Beispiel mit dem Satz: "Er besaß einen prächtigen Rauchmantel aus karmesinroter Seide und golddurchwirktem Damast, der mit einem sich wiederholendem Muster von goldenen Granatäpfeln geschmückt war, die in geometrische, sechsblättrige Blüten gefasst waren, worunter auf jeder Seite das Ananasmotiv mit Zuchtperlen aufgestickt war. Die Bordüren waren in Felder aufgeteilt, die..." und so weiter und so fort. Was hier nach dem Faschingskostüm eines orientalischen Scheichs klingt, ist EINFACH. NUR. EIN. SIMPLES. KLEIDUNGSSTÜCK. und komplett unwichtig für die Geschichte. Manchmal ist weniger eben doch mehr und zweifellos will Wilde das damit auch ausdrücken. Alles in allem ist es dennoch kein Buch zum Abschalten.

Mein Fazit: Man sollte den Roman definitiv mal gelesen haben, aber meiner Meinung genügt Ausleihen statt selber kaufen, denn ich würde mich nicht noch 20 Mal durchwühlen. Obwohl man sich hinterher auf jeden Fall schlauer fühlt, weil man "schlagfertige Antwort" auf Französisch sagen kann. Aber egal, ob man die Ansichten in dem Buch teilt oder nicht, wenn man den zeitlichen Kontext im Hinterkopf behält, bringt es einen auf jeden Fall zum Nachdenken. Und das ist doch eine erfrischende Ablenkung zum oft eintönigen Buchbrei unserer Zeit.


| Sonja Seidl

- Sonja Seidl


Meine Wertung: 6 von 10 Büchern

Das Bildnis des Dorian Gray (The Picture of Dorian Gray). England 1891. Autor: Oscar Wilde. Übersetzung: Maike Breitkreuz (2012). 288 Seiten (Anaconda Verlag GmbH)






 

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