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23.01.2017  |  12:00 Uhr

In der Nachtschicht Leben retten

Ein Abend beim Rettungsdienst

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Der Krankenwagen

Der Krankenwagen | Thilo Eggerbauer

Der Krankenwagen - Thilo Eggerbauer


Samstagabend. Es schneit. Die Straßen sind glatt und ich weiß nicht, was auf mich zukommt. Ich werde heute für ein paar Stunden bei einem Rettungswagen des Roten Kreuzes mitfahren. Ich habe ein bisschen Angst, denn ich glaube nicht, dass ich besonders hart im Nehmen bin. Um 19 Uhr beginnt die Nachtschicht und ich komme um fünf vor im Hof der Rettungswache in der Rotkreuzstraße an. Mit dem Auto ist sie keine zwei Minuten vom Klinikum entfernt. Doch da kommt mir schon der Rettungswagen mit Blaulicht entgegen. Von den zwei Fahrern kann mich also niemand in Empfang nehmen. Stattdessen begrüßt mich ein freundlicher Herr mittleren Alters. Roland Schreiber ist Rettungsassistent und fährt den Notarztwagen zusammen mit seiner Kollegin Astrid Birkeneder. Drei Fahrzeuge sind in der Leitstelle heute Nacht im Einsatz: Ein Krankenwagen für normale Krankentransporte, ein Rettungswagen für Patienten, die in Lebensgefahr schweben, und ein Notarztwagen für Einsätze, die einen Arzt vor Ort verlangen. Jedem Fahrzeug ist jeweils ein zweiköpfiges Team zugeordnet. Roland führt mich durch das Gebäude und gibt mir meine Uniform für die nächsten Stunden. Ein weißer Pullover, eine rote Arbeitshose und eine schwere rote Jacke. Ich bin mir nicht sicher, wie sein Kommentar zu meinem heutigen Vorhaben gemeint ist: "Vielleicht hast du Glück. Es kann aber auch sein, dass du weniger Glück hast."

Marko Breyer und Jan Krüger

Marko Breyer und Jan Krüger | Thilo Eggerbauer

Marko Breyer und Jan Krüger - Thilo Eggerbauer


In der Zwischenzeit erfahren wir, dass der Rettungswagen gerade im Krankenhaus ankommt. Astrid und Roland fahren mich von der Wache aus hin, damit ich diesmal dabei bin, falls der Rettungswagen gleich nochmal alarmiert wird. Vor dem Klinikum ist es kalt. Ich trage eine dicke Jacke, die Mütze habe ich tief in die Stirn gezogen. Marko Breyer trägt keine Jacke, lediglich ein weißes Poloshirt. Das rote Kreuz auf der Brust. "Wer acht Jahre lang bei der Bundeswehr, von der Taille aufwärts im Freien, mit einem Sanitätspanzer gefahren ist, den friert so schnell nicht mehr." Als Marko seinen Wehrdienst ableisten musste, ging er zu den Sanitätern. Das gefiel ihm so gut, dass er sich für acht Jahre verpflichten ließ. Er bildete Rettungssanitäter für den Einsatz im Kosovo aus. Nach dem Dienst wurde er Rettungsassistent beim Roten Kreuz. Das macht er jetzt seit etwa 15 Jahren. Der Rettungsdienst ist sein Leben. Dass das bei mir nicht der Fall ist, erkennt er sofort: "Wenn wir zu einem besonders schlimmen Einsatz kommen, sag ich dir, dass du sitzen bleiben sollst. Ich will nicht, dass heute dein Leben zerstört wird." Soll mir recht sein! Aber zunächst fahren wir zurück zur Wache.

Der desinfizierte Stuhl

Der desinfizierte Stuhl | Thilo Eggerbauer

Der desinfizierte Stuhl - Thilo Eggerbauer


Gefahren wird der Rettungswagen von Jan Krüger, er studiert Internet Computing. Häufig ist er an seinen Wochenenden ehrenamtlich als Rettungssanitäter unterwegs. Marko ist Beifahrer, denn er muss im Notfall am schnellsten bei den Patienten sein. Ich fahre hinten im Patientenraum mit. Links und rechts neben der Liege gibt es jeweils einen Stuhl. Marko sagt, ich solle auf dem linken Platz nehmen. Denn den rechten müsse er noch desinfizieren. Der letzte Patient hatte die Borderline-Störung. Eine psychische Krankheit. Zu ihren Symptomen zählt der Drang sich selbst zu verletzen. Oft ritzen sich Betroffene die Arme auf.

Bereitschfatsraum - Büro

Bereitschfatsraum - Büro | Thilo Eggerbauer

Bereitschfatsraum - Büro - Thilo Eggerbauer


Zurück in der Leitstelle gehen wir in den Bereitschaftsraum. Er wirkt wie ein Hybrid aus einer Einsatzzentrale und einem Wohnzimmer. Es gibt eine Büroecke mit Computer, Drucker, Telefon und Schichtplänen. An der hinteren Wand aber steht eine Holzkommode mit Fernseher, davor ein großer Couchtisch und eine Sofagrnitur. Es läuft "Deutschland sucht den Superstar". Die Stimmung ist freundschaftlich, fast schon familiär. Zeit, sich zu unterhalten. Die Nachtschicht dauert immer von 19 Uhr bis sieben Uhr morgens. Nebenan gibt es einen Schlafraum. Wie viele Einsätze man in einer Schicht habe, könne man nie wissen, meint Marko. "Es kann bloß einer sein, es können aber auch zehn sein." Es mache auch keinen Unterschied ob Nachtschicht oder Tagschicht, oder Sommer oder Winter. Auffällig sei nur, dass im Winter Verkehrsunfälle meistens weniger schlimm seien, weil die Leute langsamer auf den Straßen unterwegs seien. Zur Dult-Zeit gebe es natürlich wesentlich mehr Einsätze. "Und auch letztes Jahr, als hier sehr viele Flüchtlinge ankamen. Da hatten wir Patienten, denen auf der Flucht wichtige Medikamente ausgingen, Leute mit schlecht verheilten Kriegsverletzungen, oder Verletzungen, die auf der Flucht nur sehr provisorisch, oder gar nicht behandelt wurden."

Der Rettungswagen

Der Rettungswagen | Thilo Eggerbauer

Der Rettungswagen - Thilo Eggerbauer


Unser Gespräch wird unterbrochen, denn plötzlich ertönt der Alarm. Jetzt muss alles schnell gehen. Ich ziehe meine Jacke an und wir laufen zum Rettungswagen. Weil ich hinten im Patientenraum sitze, bekomme ich nicht mit, wie der Notruf lautet. Das Martinshorn erklingt und ich spüre wie mein Adrenalinspiegel steigt. Ich zittere leicht. Beim Aussteigen frage ich Jan, was los ist. Laut Meldung ein Kollaps. Wir kommen in eine Spielothek. Ein Mann hatte zwei Krampfanfälle. Auf dem Hinterkopf hat er eine kleine Wunde. Er ist angetrunken und wirkt noch leicht verwirrt, ist aber schon wieder auf den Beinen. Er weigert sich, mit ins Krankenhaus zu kommen. Marko versucht, ihn davon zu überzeugen, vernünftig zu sein und zeigt dabei viel Geduld. Er könne ihn nicht guten Gewissens zurücklassen. Weil der Mann stur bleibt, ruft Marko eine Notärztin. "So kurz nach einem Krampfanfall ist man noch nicht zurechnungsfähig, aber ich kann ihn nicht zwingen mitzukommen." Als die Notärztin ankommt, teilt sie Markos Einschätzung und weist den Patienten ein.

Bereitschaftsraum - Wohnzimmer

Bereitschaftsraum - Wohnzimmer | Thilo Eggerbauer

Bereitschaftsraum - Wohnzimmer - Thilo Eggerbauer


Im Krankenhaus muss Marko noch einige Formulare ausfüllen. Währenddessen erzählt mir Jan von seinem Ehrenamt. "Ich mache das hauptsächlich für die zehn oder zwanzig Prozent der Fälle, in denen wir wirklich Leben retten, durch das was wir vor Ort machen." Genau vor solchen Situationen hätte ich Angst. Für die Verarbeitung von psychischen Belastungen durch Einsätze bietet das Rote Kreuz Programme mit psychologischer Betreuung an. Diese Angebote werden laut Roland Schreiber aber kaum angenommen: "Wichtiger ist es, mit den Kollegen darüber zu reden." Auch Marko habe noch nie von einem seiner Patienten geträumt. Er versuche aber immer nochmal nach seinen Patienten zu schauen, wenn er wieder ins Krankenhaus kommt. Jan gibt zu, dass er einen Fall hatte, der ihn eine Zeit lang beschäftigte. Ein Familienvater beging auf seiner Terrasse Selbstmord, während seine Kinder im Haus waren.

Als wir wieder im Bereitschaftsraum sind, will ich mich gerade verabschieden - es ist halb elf Uhr abends - als wieder der Alarm losgeht. Jetzt gilt es sich zu entscheiden: Nochmal mitfahren, oder heimgehen? Marko schaut auf seinen Piepser und winkt ab. "Wieder nichts Gescheites." Und ich weiß, was er damit meint. Ich verstehe jetzt auch, was Roland mit seinem Kommentar gemeint hat. Diese Leute brennen dafür, Leben zu retten. Und dafür bin ich sehr dankbar.






 

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