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Donnerstagabend. Es ist eine dieser nebligen Passauer Nächte. Wer raus muss, versucht schnell wieder ins Warme zu kommen. Vor der "Herberge für Wohnungslose" in der Bahnhofstraße steht ein Mann und wartet. Unter seiner schwarzen Strickmütze schauen weiße Haare heraus, er trägt eine schwarze Lederjacke, dazu eine verwaschene Jeans. Dass er die meisten Tage und auch viele Nächte im Freien verbringt, sieht man ihm nicht an. Er sieht aus wie Mitte 50. Genau kann ich das nicht sagen. Vielleicht ist er jünger. Vielleicht altert man schneller, wenn man auf der Straße lebt.

Mike Felber kommt angehastet. Es ist 19.03 Uhr. Der 43-Jährige begrüßt mich und schließt die Unterkunft auf. "Öffnungszeiten 19 bis 22 Uhr" steht am Eingang. Felber wird die Nacht hier verbringen. Seit 2010 schläft er fünf Mal die Woche hier.

Mike Felber im leeren Schlafraum.

Mike Felber im leeren Schlafraum. | Gabriel Bub

Mike Felber im leeren Schlafraum. - Gabriel Bub


Er arbeitet für die Passauer Caritas mit Obdachlosen. Zu seinem Job gehört, die Wäsche der Obdachlosen zu waschen, die Räume in Stand zu halten und aufzupassen, dass es nachts ruhig bleibt. Er sorgt dafür, dass das Alkohol-Verbot in der Unterkunft eingehalten wird. "Die Leute sind ja nicht dumm, manchmal schaffen sie es doch irgendwie, Alkohol einzuschmuggeln. Es bleibt aber meistens im Rahmen", sagt er.
Gefährlich werde es selten. "Klar gibt es manchmal Stress, aber dann gehe ich dazwischen und regle das", sagt Felber und ergänzt, "es ist aber schon öfter passiert, dass ich beim Waschen kurz davor war, in Spritzen zu greifen"

Der Schlafraum der Frauen.

Der Schlafraum der Frauen. | Gabriel Bub

Der Schlafraum der Frauen. - Gabriel Bub


Kurz nachdem Felber und ich die Unterkunft betreten haben, kommt auch der Mann mit der schwarzen Mütze rein. Er murmelt ein "Hallo" und macht sich auf den Weg in Richtung Schlafplatz. Er hat keine Lust auf Small-Talk. Felber drückt ihm einen Zettel in die Hand: "Du musst dich morgen bei der Hauptstelle melden. Ein Stockwerk drüber." Der Mann nickt. Die wenigen Worte, die er von sich gibt, spricht er mit osteuropäischem Akzent. "Ich protokolliere genau, wer hier übernachtet. Er war gestern auch schon hier. Im Schnitt sind es vier bis sechs Leute pro Nacht. Gestern war nur er da. Ich denke heute wird es genauso ruhig", erzählt Felber.

Ihm ist es lieber, wenn wenig los ist. Er schläft in einem kleinen Nebenzimmer, das er auch abschließen kann. Trotzdem muss er vorsichtig sein. "Es gibt Nächte, da schlafe ich mit einem offenen Auge. Ich kenne ja die Kandidaten, die hier sind", sagt er, "was im Schlafraum passiert, bekomme ich alles mit." Zur Demonstration klopft er zwei Mal gegen die sehr dünne Wand, die seinen Schlafplatz von dem der Obdachlosen trennt.

Über 2000 Mal wurde 2016 hier geduscht.

Über 2000 Mal wurde 2016 hier geduscht. | Gabriel Bub

Über 2000 Mal wurde 2016 hier geduscht. - Gabriel Bub


Jeden Tag arbeitet Felber mit Menschen, die große Probleme haben. Die Jüngsten sind 18, die Ältesten 78. Viele haben Stress zu Hause oder Drogenprobleme. Oder beides. Das härtet ab. 1300 bis 1400 Übernachtungen seien es jedes Jahr in der Herberge. Etwa 600 Menschen kämen nur um zu duschen und gingen dann wieder. "Ein Wunder, dass die Dusche so lang durchhält", sagt Felber. Er scheint stolz darauf zu sein, dass alles so gut in Schuss ist.

Kurz vor Weihnachten sei es in der Bahnhofstraße immer ruhiger, sagt er: "Die meisten, die hier schlafen, sind ,Reisende‘. Sie haben eine feste Tour und klappern immer die gleichen Städte ab." In der Adventszeit sind Großstädte attraktiver. Dort sind Einkäufer gerade in der Weihnachtszeit großzügig. Die Passauer Obdachlosen schlafen eher bei der Bahnhofsmission oder an eigenen Schlafplätzen. Das seien Züge oder sogar Zelte, erklärt mir Felber. Auch im Winter. Es fällt mir schwer mir vorzustellen, wie es wohl sein muss, bei so einer Kälte draußen zu schlafen.

Die Unterkunft in der Bahnhofstraße ist nur provisorisch. Mike Felber wird nicht müde, das zu betonen. Die alte Herberge in der Oberen Donaulände wurde beim Hochwasser 2013 überflutet. Im Frühjahr nächsten Jahres wird die neue alte Unterkunft wieder geöffnet. Der Gemeinschaftsraum, die Dusche und die Toilette des Provisoriums sind auffällig sauber. Die beiden Schlafräume – einer für Frauen mit zwei Betten, der andere für Männer mit sechs Betten – sind mit Spanplatten vom Gemeinschaftsraum der Unterkunft getrennt. Provisorisch eben. In einer Gemeinschaftsecke steht ein Fernseher, die Wand dahinter ist mit bunten Bildern dekoriert.

Hier wird manchmal gemeinsam Fußball geschaut.

Hier wird manchmal gemeinsam Fußball geschaut. | Gabriel Bub

Hier wird manchmal gemeinsam Fußball geschaut. - Gabriel Bub


Gesellschaftsspiele und Bücher stehen bereit. Ein bisschen Jugendherbergs-Flair hat die Unterkunft.
Der Mann mit der schwarzen Mütze ist inzwischen eingeschlafen. Es ist 20 Uhr, Felber wird noch Wäsche waschen, putzen und die Jahresbilanz ziehen. Gegen 1 Uhr wird auch er sich schlafen legen. Ich bin froh, dass ich heute Nacht zu Hause schlafen kann.






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Über Nachtaufnahme




Bunte Häuserfassaden spiegeln sich im glitzernden Wasser des Inns - die Dreiflüssestadt Passau zeigt uns tagtäglich ihre schönsten Facetten.
Doch was spielt sich eigentlich bei Nacht und Nebel in unserer Wahlheimat alles ab? Was tut sich in und um die Kleinstadt, wenn die Uhr Mitternacht schlägt?
Wir von Nachtaufnahme schnappen uns unsere hellsten Taschenlampen und durchleuchten die Passauer Nächte, um euch zu beweisen, dass diese Stadt im Mondschein mehr zu bieten hat als die üblichen Locations zum Feiern.

Eure Nachtaufnahme
Anna, Gabriel, Maximilian, Paulin, Sarah und Thilo

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