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Passau  |  21.11.2016  |  11:00 Uhr

Passauer Nächte

von Maximilian Senff

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Sonntagabend. Dunkel ist es schon lange zu dieser Jahreszeit. Ich sitze mit meinem Nachbarn auf meiner Eckcouch. Auf dem Tisch dampft frisch aufgegossener Tee aus potthässlichen Mickey-Mouse-Tassen. "Die kommen noch in Mode! Das werden Sammlerstücke!", sagten meine Freunde damals, als sie mir das Porzellan als Geschenk überreichten - sie sollten sich irren, ich kann den Tassen immer noch nichts abgewinnen. Zusätzlich zum schummrigen Licht der Stehlampe in meinem Wohnzimmer haben wir noch eine Kerze angezündet. Es ist ein besonderer Abend - wir haben uns auf Ebay eine alte, bunt durchgemischte Sammlung an Vinylplatten bestellt und hören sie gerade zum ersten Mal durch. Als erstes lief Matthias Reim. "Verdammt ich lieb‘ dich" war natürlich auch auf der LP. Ganz lustig, aber es besteht definitiv noch Steigerungspotenzial.

Während mein Nachbar und ich über Gott und die Welt philosophieren, wie wir es nach einem vom Kater-Kopfschmerz geplagten Nachmittag sonntagabends so oft tun, wechselt er die Platte. "Gebrüder Blattschuss" kommt als nächstes. Noch nie gehört. 1978 steht als Veröffentlichungsjahr auf der Platte - wir geben der Sache mal eine Chance. Weiter mit unserer Diskussion. "Also wenn ich drei Wünsche frei hätte…", fährt mein Kumpel fort. "Dann hättest du für dein Leben lang ausgesorgt. Ich weiß, das Thema haben wir echt jeden Sonntag. Bitte keine weiteren Ausführungen", unterbreche ich ihn. Kurze Stille. Hoffentlich nimmt er mir das nicht krumm.

Der Eingang zur Passauer Fußgängerzone

Der Eingang zur Passauer Fußgängerzone | Maximilian Senff

Der Eingang zur Passauer Fußgängerzone - Maximilian Senff


"Kreuzberger Nächte sind lang, Kreuzberger Nächte sind lang, Erst fang' sie ganz langsam an, aber dann, aber dann", schallt es während unserer Sprechpause aus den großen Standboxen. "Passauer Nächte sind doch auch lang", sage ich, "Kreuzberg, Berlin - das klingt nur wieder cooler." "Passauer Nächte sind eben auf eine andere Art und Weise lang", spinnt mein Nachbar meinen Gedanken weiter, "hier bist du nicht bis morgens um neun im Club, aber es kann trotzdem sein, dass du erst um zehn nach Hause kommst. Quasi das Paradoxon des Passauer Nachtlebens." Er hat Recht. Eigentlich ist hier echt immer viel los. Nicht selten landet man beim nächtlichen Fußmarch durch die Stadt ganz unverhofft auf WG-Partys mitten in der Fußgängerzone. Weil irgendjemand jemanden kennt, der jemanden kennt, der sich vor drei Wochen irgendwo bei dem Typen mit dem schwarzen Hemd dahinten eine Zigarette geschnorrt hat. Also Treppe hoch und Biere aus dem Rucksack in den Kühlschrank - nette Leute, nette Feiern!

"Ich muss gar nicht irgendwo zu Gast sein", unterbricht mein Kumpel meine Gedanken, "als meine Freundin mal zu Besuch war, sind wir einfach mal eine Nacht lang nur durch Passau geschlendert. Ohne Club und Party." "Was habt ihr dann alles so gemacht?", frage ich nach. "Schau dir doch einfach mal nur die Lichter in dieser wunderschönen Stadt an", fährt er fort, "gerade jetzt, wo sie die Weihnachtsbeleuchtung wieder überall anbringen. Wir sind einfach dick eingepackt durch die Stadt gezogen. Einmal von der Ortsspitze durch die kleinen Altstadtgässchen Inn-aufwärts bis zum Kraftwerk nach Ingling. Das war ein ordentlicher Marsch, aber wir haben bei der Tankstelle im Zentrum halt gemacht und uns Proviant für den weiteren Weg geholt." Oh ja, die Shell-Tankstelle. Dort wurden wahrscheinlich nicht nur Geschichten, sondern schon ganze Romane geschrieben. "Lief dort wieder richtig lauter Jazz?", frage ich. "Na klar! Blöde Frage!", antwortet mein Nachbar - auf die gute alte Shell ist eben Verlass. Es läuft schon der nächste Song. Ich habe gar nicht mitbekommen, wie der Text noch weiter ging. Ich quäle mich von der gemütlichen Couch und setze die Nadel wieder an den Anfang des "Kreuzberger Nächte"-Lieds. Kurzes Rascheln und Knacksen - schon geht es wieder los.

Erlebnisse vor dem Frizz

Erlebnisse vor dem Frizz | privat - mit Genehmigung des Abgebildeten

Erlebnisse vor dem Frizz - privat - mit Genehmigung des Abgebildeten


"Früh morgens wach ich auf 16 Uhr 10, die ganze Welt scheint sich um mich zu dreh'n. Nur im Magen fühle ich mich nicht so recht, eins von den dreisich Bierchen gestern war wohl schlecht.", schnappen wir als nächstes auf. "Klingt nach einem typischen Frizz-Erwachen", sagt mein Nachbar augenzwinkernd, "da brauche ich gleich noch einen Tee." "Wie oft wir da schon geendet sind, obwohl wir eigentlich auf dem Heimweg waren", schließe ich mich ihm an, "ich sollte mal ausrechnen, wie viel Geld mich das allein für die Aspirin am nächsten Morgen schon gekostet hat." "Lass es lieber", kommt aus der Küche zurück. Er hat wahrscheinlich Recht, manche Dinge sollten besser unausgesprochen bleiben. In Passau hat wahrscheinlich jeder Student die lustigsten Geschichten von aus dem Ruder gelaufenen Partys zu erzählen. Besser so als anders. Ein letztes Mal kommt der Refrain: "Kreuzberger Nächte sind lang, Kreuzberger Nächte sind lang, erst fang' sie ganz langsam an, aber dann, aber dann."

Auch ein Teil der Passauer Nächte: Der Nebel

Auch ein Teil der Passauer Nächte: Der Nebel | Maximilian Senff

Auch ein Teil der Passauer Nächte: Der Nebel - Maximilian Senff


Zum Beginn des darauffolgenden Liedes fängt mein Handy an zu klingeln. "Mach die Anlage mal bitte leiser", sage ich zu meinem Nachbarn, der gerade die brühend heißen, frischen Tees auf dem Couchtisch abgestellt hat. "Wer ruft denn an?", fragt er mich, während er sich die Fernbedienung schnappt und sie auf meine Anlage richtet. Es ist einer unserer gemeinsamen Freunde. Wir halten kurz den obligatorischen Smalltalk zum Gesprächsbeginn. "Mach mal auf Lautsprecher", sagt mein Nachbar. Ok, Handy vom Ohr. Display funktioniert nicht - wie immer. "Hallo hallo?", schallt es aus meinem Hörer. "Ja, warte kurz", erwidern wir unisono auf dem Sofa sitzend. Jetzt geht es endlich. "Kommst du noch vorbei?", fragt mein Kumpel in mein auf dem Tisch liegendes Telefon. "Hmm, eher nicht", kommt zurück, "ihr wisst doch wie das ist. Ich hatte echt eine lange Nacht. Eigentlich wollte ich es langsam angehen…" Da höre ich schon nicht mehr zu. In meinem Kopf geht es nur weiter "aber dann, aber dann…" Wir sind hier zwar in einer Kleinstadt, aber auch unsere Nächte haben so einiges zu bieten.






 

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Über Nachtaufnahme




Bunte Häuserfassaden spiegeln sich im glitzernden Wasser des Inns - die Dreiflüssestadt Passau zeigt uns tagtäglich ihre schönsten Facetten.
Doch was spielt sich eigentlich bei Nacht und Nebel in unserer Wahlheimat alles ab? Was tut sich in und um die Kleinstadt, wenn die Uhr Mitternacht schlägt?
Wir von Nachtaufnahme schnappen uns unsere hellsten Taschenlampen und durchleuchten die Passauer Nächte, um euch zu beweisen, dass diese Stadt im Mondschein mehr zu bieten hat als die üblichen Locations zum Feiern.

Eure Nachtaufnahme
Anna, Gabriel, Maximilian, Paulin, Sarah und Thilo

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