Icon Breadcrumb Sie sind hier:
RSS-Feed abonnieren
  • Akuelle Nachrichten werden geladen...




Passau  |  11.01.2016  |  09:00 Uhr

"Ich mach' hier nur Passantenbelästigung!"

Musikant - Lebenskünstler - Berufsoptimist

von Hannah Preißler

Lesenswert (23) Lesenswert kommentierenKommentare Weitersagen Weitersagen drucken Drucken


  • Artikel 13 / 23
  • Pfeil
  • Pfeil




Im "boarisch Gwand" und mit seiner Quetschen pilgerte der Straßenmusiker den Jakobsweg entlang und hat viel zu erzählen.

Im "boarisch Gwand" und mit seiner Quetschen pilgerte der Straßenmusiker den Jakobsweg entlang und hat viel zu erzählen. | Hannah Preißler

Im "boarisch Gwand" und mit seiner Quetschen pilgerte der Straßenmusiker den Jakobsweg entlang und hat viel zu erzählen. - Hannah Preißler


Ein Herr in Tracht sitzt in der Fußgängerzone und spielt auf seiner Quetschn. Um ihn herum stehen ein paar Passanten, sie singen mit und lachen. Er meint, dass er anschließend noch in die Senioreneinrichtung muss. "Ich mach schließlich nicht nur Passantenbelästigung", grinst er und wirkt keinen Tag älter als zwölf. "Sind Sie alle volljährig?" fragt er in die Runde und beginnt mit einem zotigen Lied, in dem es auch nicht an ironischen Seitenhieben gegen die Kirche mangelt. Er hört erst auf, als die Domglocken ihn unterbrechen. "Ui, ui, ui! Das ist jetzt das Protestgeläute!". Sein breites Grinsen wirkt alles andere als schuldbewusst.

Bringfried Dietzel ist der Älteste von fünf Geschwistern. Seine Eltern hatten einen Bauernhof in Thüringen, in der Schule war er nie sehr gut. "Manche Klassen haben mir so gut gefallen, dass ich sie gleich zweimal machen wollte", erzählt er und senkt leicht beschämt den Blick. Das freche Blitzen in seinen wachen Augen entgeht uns aber nicht. Erst nach der Lehre auf dem elterlichen Hof wusste er die Schule richtig zu schätzen und wurde Lehrer. "Religionspädagoge", verbessert er sich. Gemeindearbeit, Jugendarbeit, Asylantenbetreuung, Arbeit mit Behinderten - die ganze Palette hat er durch. Immer dabei: Dietzels Quetschn - bei der Volkstanzgruppe, seiner Arbeit und seinen Pilgertouren. "Musik hilft immer", meint er und steckt sich seine Pfeife an.

Zu jedem seiner Anstecker hat Bringfried Dietzel eine Geschichte auf Lager.

Zu jedem seiner Anstecker hat Bringfried Dietzel eine Geschichte auf Lager. | Hannah Preißler

Zu jedem seiner Anstecker hat Bringfried Dietzel eine Geschichte auf Lager. - Hannah Preißler




Er selbst beschreibt sich als "Musikant, Lebenskünstler und Berufsoptimist" - treffender hätte man es auch nicht ausdrücken können! Er ist ein Mann, dessen Alter schwer zu schätzen ist und er will es auch nicht so recht verraten: "Anfang 30", flunkert er spitzbübisch, "aber nie erwachsen geworden!". Seit zehn Jahren ist Dietzel ein "freier Mann", wie er seine Pensionierung augenzwinkernd nennt: "Kein Chef mehr, keine blöden Schü... - äh... schwer motivierbaren, hoffnungsvollen jungen Menschen mehr!" Seitdem unterhält er regelmäßig Fußgängerzonen und Senioreneinrichtungen in diversen Ortschaften mit seiner "Wanzenpresse". Wo er kann, nimmt er auch einen Anstecker mit, von denen schon eine stattliche Sammlung seinen Trachtenhut schmückt. Zu jedem einzelnen erzählt er uns eine kleine Geschichte. Dabei leuchten seine Augen vor Begeisterung und Lebensfreude, er erzählt mit großen Gesten, legt den Finger an die Lippen wenn er überlegt und sprüht geradezu vor Leben, wenn ihm wieder eine neue Geschichte eingefallen ist. Auch von seinen Erlebnissen auf dem Jakobsweg berichtet er. In mehreren Etappen wanderte er von Schweinfurt über Konstanz und Genf nach Le-Puy-en-Velay. Natürlich immer im "boarisch Gwand" und mit seiner Quetschn. Am liebsten übernachtete er dabei "im Nobelhotel Mama Natur, in der Sternensuite", erklärt er uns zwinkernd. In den Herbergen allerdings erlebte er so manche komische Geschichte. Zum Beispiel als ihn ein Mönch mitten in der Karwoche frage, ob er nicht aufspielen wolle. Mit leicht schlechtem Gewissen kam er der Aufforderung nach und der Abend endete damit, dass die Gäste aus aller Welt die halbe Nacht lang gemeinsam Weihnachtslieder sangen. Dietzel lacht herzlich, als er uns das erzählt und meint noch, er würde Weihnachten ja eh in den August verlegen, dann könne man viel ausgelassener im Freien feiern.

Die besten Erlebnisse als Straßenmusiker? Als ein niederländischer Chor auf dem Weg zu einem Auftritt im Passauer Dom an ihm vorbei kam, sich spontan zu ihm gesellte und mit ihm sang. "Oh! Und natürlich wenn die Touristenschiffe unten an der Donau anlegen! Schade, dass gerade keine Saison ist". Als er das sagt, leuchten seine Augen wieder. Für jede Region der Vereinigten Staaten hat er einen eigenen Volksklassiker parat, und wenn attraktive Frauen dabei sind, lässt er sich nicht lumpen, mit ihnen ein Foto zu knipsen.

Falls ihr also mal wieder schelmische Lieder durch die Straßen tönen hört, könnte es gut sein, dass dort ein weißhaariger Mann mit Tracht und Quetschn sitzt und mit spitzbübischem Lachen pfeiferauchend das Leben genießt.

Eure Hannah






comments powered by Disqus


Dokumenten Information
Copyright © PNP-Campus 2018
Dokument erstellt am
Letzte Änderung am




Über HUMANSOFPASSAU




Eine Stadt - viele Gesichter.
Wir wollen euch mit unserem Blog einen Einblick in inspirierende Lebensgeschichten der Menschen in Passau geben.
Auf euch warten besondere Straßeninterviews - von witzigen bis hin zu ernsten und ganz besonderen, persönlichen Geschichten. Lasst euch überraschen, welche einzigartigen Menschen hinter ihren alltäglichen Masken stecken. Vielleicht betrachtet ihr sie das nächste Mal mit ganz anderen Augen.
Folgt unserem Blog und erfahrt Außergewöhnliches über die HUMANSOFPASSAU!

Eure Caro, Leila, Anna, Veronika, Hannah und Ramona


Hier schreiben Studenten der Universität Passau. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Übung am Lehrstuhl für Medien und Kommunikation unter der Leitung von Professor Thomas Knieper erstellen sie ihre eigenen Blogs. Darin nehmen sie die Uni von innen unter die Lupe, testen Passaus Lifestyle-Qualitäten oder geben ihren Kommilitonen Tipps fürs Leben als Student.




Limitierte Aktion


Jetzt das Studentenabo der Passauer Neuen Presse bestellen und gratis BIBBAG sichern! [mehr]








realisiert von Evolver