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09.02.2015  |  13:00 Uhr

Vom Leben eines "Berufs-Passauers"

Sein Auftrag: "Geschichte wieder lebendig machen."

von Susann Wenke

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Stadtarchivar Richard Schaffner

Stadtarchivar Richard Schaffner | Vera Hartlieb

Stadtarchivar Richard Schaffner - Vera Hartlieb


Schöne Geschichten gibt es überall auf der Welt. Ist man neu in einer Stadt - sei es, weil man kürzlich die stark erhoffte Zusage der dortigen Universität erhalten hat oder aus sonstigen Gründen einen Tapetenwechsel brauchte - so fliegen einem nicht selten in den ersten Wochen Infos über Infos zu, was man doch alles über die neue Heimat wissen sollte. Doch wie unterscheidet man die ernst zu nehmenden Geschichten von denen, die den Wahrheitsgehalt eines Märchens haben?

Wir haben den Mann getroffen, der sich zumindest in der Geschichte der Stadt Passau genauso gut auskennt wie in seiner eigenen Aktentasche - wenn nicht sogar besser.

Manch einer kennt ihn vielleicht aus einem der "Da bin ich daheim"-Spots des Bayerischen Rundfunks. Es ist der Passauer Stadtarchivar Richard Schaffner, der über jenes Format bereits zum vierten Mal einen Gruß in seinem sympathischen Niederbairisch an die BR-Region sendete. "In der Hinsicht bin ich sogar Rekordhalter", freut sich der 54-Jährige. Damit passe er perfekt zu den generell nach Rekorden strebenden Passauern. "Wir haben die größte Dom-Orgel der Welt, den kleinsten Geldschein der Welt, dann haben wir noch die drei Flüsse... Ja die Passauer sind schon ein wenig rekordsüchtig." Er selbst war 1987 übrigens mit 27 Jahren der damals jüngste Stadtarchivar Deutschlands.

Seit 1987 Leiter des Passauer Stadtarchivs

Seit 1987 Leiter des Passauer Stadtarchivs | Vera Hartlieb

Seit 1987 Leiter des Passauer Stadtarchivs - Vera Hartlieb


Zuvor hatte er seine Archivar-Ausbildung in München abgeschlossen, woraufhin dem gebürtigen Passauer einige Jobangebote ins Haus flatterten. "Für mich stand jedoch relativ schnell fest, dass es mich nach der Ausbildung wieder in meine Heimatstadt zurückziehen würde", erinnert sich Schaffner. Diese Heimatverbundenheit des Stadtarchivars zeichnete sich bereits in sehr jungen Jahren ab. "Ich hatte als Kind einen ausgezeichneten Heimatkunde-Unterricht, den es in dieser Form heute leider gar nicht mehr gibt. Ich hab' damals schon meine Unterrichtshefte gesammelt und sicher verwahrt. Also schien ich wohl zu dieser Zeit auch schon in etwa gewusst zu haben, wo es später beruflich bei mir hingehen soll", lacht der Niederbayer.

Zudem habe es in seinem Leben sehr früh ein Ereignis gegeben, welches ihn bis heute noch prägt. "Als ich in der ersten Klasse war, gab es da einen Unfall, bei dem zwei meiner damaligen Klassenkameradinnen von einem Betrunkenen tot gefahren wurden", erzählt Schaffner. "Seitdem sammle ich Sterbebilder und besitze mittlerweile eine der größten Sammlungen überhaupt." Selbst bei diesem Thema schlägt die Stimmung unseres fröhlichen Interviewpartners nicht um - der lebenserfahrene Archivar hat keinerlei Hemmungen, über den Tod zu sprechen. Sogar sein eigenes Sterbebild hat Schaffner bereits gemacht und seine Grabstätte bei denen seiner Familienangehörigen in Heining bauen lassen. "Es ist doch gut zu wissen, wo man mal hinkommt", so der Passauer. Sein Sterbebild lasse er jedes Jahr auf´s Neue machen. "Besonders gerne in Biergärten", erzählt uns der außergewöhnliche Archivar. "Da denk ich mir oft: Jetzt ist´s grad mal wieder so schön - da wird´s Zeit für ein fröhliches Sterbebild."

Die Passauer Geschichte von 1599 bis 2015

Die Passauer Geschichte von 1599 bis 2015 | Vera Hartlieb

Die Passauer Geschichte von 1599 bis 2015 - Vera Hartlieb


Mit bewegenden Aussagen wie diesen und seinem scheinbar grenzenlosen Wissen über Passau und alles, was je mit dieser Stadt in Berührung gekommen ist, beeindruckte uns der 54-Jährige während des gesamten Interviews. "Es ist gar nicht so schwer, diese ganzen Dinge im Kopf zu behalten. Man muss lediglich nach Verbindungen zu seinem ohnehin schon existierenden Wissen, in meinem Fall zu Passau, suchen."

Doch Schaffners Alltag besteht nicht ausschließlich daraus, archivierte Dokumente zu verwahren, sie zu studieren und geschichtlich Interessierten Auskünfte zu geben. "Ich engagiere mich nebenher in vielen weiteren Bereichen ehrenamtlich, so zum Beispiel auch an der Universität Passau. Ausländischen Studenten habe ich dort lange Zeit eine Art Crash-Kurs in Sachen Landeskunde gegeben", erklärt er uns. Auch geschichtlich habe die Universität in seinen Augen viel Gutes für Passau geleistet. "Passau war ja einst eine wichtige Wallfahrer-Stadt, wodurch damals unsere extreme Wirtshaus-Dichte in der Innstadt zustande kam. Wäre die Uni nicht erbaut worden und hätte so eine Menge an Studenten hergelockt, würde jetzt vermutlich ein Großteil dieser Wirtshäuser brachliegen. Wir haben der Universität Passau also sozusagen unsere Wirtshaus-Kultur zu verdanken."

Der Stadtarchivar zeigt sein Reich

Der Stadtarchivar zeigt sein Reich | Vera Hartlieb

Der Stadtarchivar zeigt sein Reich - Vera Hartlieb


Zudem ist Schaffner auch ehrenamtlicher Stadtheimatpfleger und seit 1976 Mitglied bei der freiwilligen Feuerwehr. Wenn es den jung gebliebenen Niederbayern doch mal in die Ferne zieht, schwingt er sich für seine Ausflüge in der Regel auf seinen geliebten Vespa-Roller. "Damit fahre ich auch äußerst gern die Orte ab, an denen historische Ereignisse in Passau und der Umgebung stattgefunden haben. So lässt sich nochmal ein ganz neuer Bezug für mich herstellen", schwärmt der 54-Jährige.

Was er gemacht hätte, wenn aus ihm kein Stadtarchivar geworden wäre? Auch darauf hat Richard Schaffner eine Antwort. "Ich wäre Sternekoch und der Pächter des Passauer Ratskellers geworden", sagt Schaffner selbstbewusst. Vor gut 20 Jahren hat der Passauer eine Neuauflage des Kochbuchs herausgebracht, welches 1862 von der damaligen Köchin der Kaiserin Elisabeth, genannt "Sissi", geschrieben wurde. "Daraus durfte ich damals sogar etwas im Dritten Programm vorkochen. Das ist übrigens generell das Tolle an meinem Beruf, dass ich quasi alte Geschichten wieder lebendig machen kann."

Ob als Archivar, Koch, Heimatpfleger oder Lehrbeauftragter der Universität Passau - Richard Schaffner macht keine halben Sachen und geht jedem seiner Hobbies mit viel Eifer und Euphorie nach. Und bestimmt wird seine Kochbuch-Neuauflage nicht die letzte Veröffentlichung gewesen sein, die man von dem Stadtarchivaren zu lesen bekommt.






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